37.5 Technology Funktionsmaterial
Fasern & Kunststoffe Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
37.5 Technology ist weder ein Gewebe noch eine Ausrüstung, sondern ein Faserzusatz. Poröse Partikel werden bereits bei der Herstellung in die Spinnmasse gegeben und sitzen danach im Inneren des Filaments. Daraus folgt der eine Punkt, der diese Technologie von den meisten Konkurrenzlösungen unterscheidet: Sie kann nicht auswaschen, weil sie nicht aufgetragen wurde.
Wie 37.5 aus einem Druckerlabor in die Faser kam
Der Chemiker Gregory W. Haggquist stieß auf den Effekt nicht in der Textilforschung, sondern in der Entwicklungsabteilung des Druckerherstellers Lexmark. Dort stellte er fest, dass bestimmte Aktivkohlen nicht nur Gerüche binden, sondern auch Feuchtigkeit anziehen und wieder abgeben. Er verließ das Unternehmen und entwickelte ein Verfahren, um solche Partikel in Fasern einzubringen.
Die Aktivkohle stammte zunächst aus Kokosschalen — daher der ursprüngliche Firmenname Cocona. Später kam poröses Material aus Vulkansand hinzu. 2014 wurde die Marke in die Zahl 37.5 umbenannt, die auf zwei Bezugsgrößen verweist: auf 37,5 °C als angestrebte Körperkerntemperatur und auf 37,5 Prozent relative Luftfeuchte im Mikroklima direkt an der Haut.
Beide Zahlen sind Markenzahlen, keine Messgrößen des Produkts. Die normale Körperkerntemperatur des Menschen wird üblicherweise mit rund 37 °C angegeben, und ein bestimmter Feuchtewert als Optimum für alle Menschen und alle Belastungen ist nicht belegt. Der Name ist also eine Merkhilfe — er beschreibt ein Ziel, nicht eine Leistung.

Der Wirkstoff steckt in der Faser
Es gibt zwei Wege, einem Textil eine Zusatzeigenschaft zu geben: auftragen oder einspinnen. Der zweite ist aufwendiger und hält dafür, solange die Faser hält.

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Poröse Partikel
Die Körner sind von feinen Poren durchsetzt. Diese innere Oberfläche ist um ein Vielfaches größer als die äußere — darauf beruht die Wirkung.
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Im Querschnitt sichtbar
Am angeschnittenen Ende erkennt man, dass die Partikel über den ganzen Faserquerschnitt verteilt sind. Sie kamen schon bei der Herstellung in die Spinnmasse.
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Glatte Außenhaut
Außen ragt nichts heraus. Der Griff des Gewebes bleibt unverändert, und es gibt keine Stelle, an der Reibung oder Waschwasser den Zusatz abtragen könnte.
Ein eingesponnener Zusatz wäscht sich nicht aus — er ist Teil der Faser und verschwindet erst mit ihr. Dafür lässt er sich nachträglich nicht aufbringen: Die Eigenschaft muss beim Spinnen entschieden werden und gilt dann für das gesamte daraus gefertigte Gewebe.

Was poröse Partikel in einer Faser tun können
Aktivkohle hat eine enorme innere Oberfläche: Ein Gramm kann je nach Herstellung mehrere hundert bis über tausend Quadratmeter erreichen, weil das Material von Mikroporen durchzogen ist. An dieser Oberfläche lagern sich Moleküle an — ein Vorgang, der Adsorption heißt und für Wasserdampf wie für Geruchsmoleküle gilt.
Daraus ergeben sich zwei nachvollziehbare Wirkungen. Erstens kann die Faser Wasserdampf zwischenspeichern und an der Außenseite wieder abgeben, wo er verdunstet — das verändert das Feuchteprofil im Textil. Das ist genau die Eigenschaft, die ein Funktionsshirt ausmacht. Zweitens können Geruchsmoleküle gebunden werden, bis sie beim Waschen wieder freigesetzt werden; das ist derselbe Mechanismus, der einen Aktivkohlefilter wirken lässt.
Der Hersteller nennt zusätzlich einen dritten Punkt: Die Partikel nähmen Infrarotstrahlung des Körpers auf und würden dadurch aktiviert. Dass dunkle, poröse Partikel Infrarotstrahlung absorbieren, ist unstrittig; wie groß der Beitrag dieses Effekts gegenüber der schlichten Wärmeleitung aus der Haut ist, lässt sich den veröffentlichten Angaben nicht entnehmen.
Der eine echte Unterschied: eingebettet statt aufgetragen
Die meisten funktionellen Eigenschaften in Textilien sind Ausrüstungen — sie sitzen auf der Faser und verschwinden mit der Zeit. Geruchshemmende Ausrüstungen wie Polygiene gehören dazu, ebenso jede wasserabweisende Behandlung. Für den Käufer bedeutet das: Die beworbene Eigenschaft hat eine begrenzte Lebensdauer, deren Länge er nicht kennt.
Bei 37.5 liegt der Fall anders. Die Partikel sind in das Polymer eingeschlossen, bevor es durch die Spinndüse geht; sie sitzen im Querschnitt des Filaments. Nach Herstellerangabe können sie deshalb über die gesamte Lebensdauer des Produkts nicht auswaschen. Diese Aussage ist, anders als die Leistungsangaben, strukturell plausibel — was im Faserinneren liegt, kommt durch Waschen nicht heraus.
Die Kehrseite ist ebenso strukturell: Partikel im Faserinneren können nur wirken, soweit Feuchtigkeit und Moleküle sie erreichen. Ein Teil der eingebetteten Masse liegt zwangsläufig so tief, dass er für die Adsorption nicht zugänglich ist — und Partikel im Polymer verringern die Festigkeit der Faser, weil sie Fehlstellen im Gefüge darstellen.
Warum Partikel in der Spinndüse ein Problem sind
Partikel in eine Spinnmasse zu geben, ist anspruchsvoller, als es klingt. Sie müssen gleichmäßig verteilt sein, dürfen nicht zusammenbacken und müssen deutlich kleiner sein als der Filamentdurchmesser — sonst verstopfen sie die Spinndüse oder erzeugen Sollbruchstellen. Bei feinen Garnen, wie sie im Outdoorbereich üblich sind, liegt der Filamentdurchmesser im Bereich weniger Mikrometer, was die zulässige Partikelgröße stark begrenzt.
Daraus folgt eine Obergrenze für den Anteil. Je mehr Fremdkörper im Polymer, desto geringer die erreichbare Festigkeit und desto schwieriger das Verstrecken, mit dem die Faserfestigkeit überhaupt erst entsteht. Welchen Anteil er tatsächlich einbringt, nennt der Hersteller nicht — es dürfte sich im niedrigen einstelligen Prozentbereich bewegen, sonst ließe sich die Faser nicht in textiler Qualität spinnen.
Der wirtschaftliche Preis dieser Bauweise ist, dass sie beim Faserhersteller anfällt und nicht beim Veredler. Eine Ausrüstung lässt sich auf jede vorhandene Ware auftragen; ein Faserzusatz verlangt eine eigene Produktionscharge. Das erklärt, warum solche Technologien über Lizenzprogramme vermarktet werden und warum sie seltener vorkommen als Ausrüstungen.
Was 37.5 an Zahlen nennt — und was dabei fehlt
Der Hersteller nennt eine Reihe von Ergebnissen, die hier als das wiedergegeben werden, was sie sind: Herstellerangaben. Genannt werden unter anderem eine Leistungssteigerung von bis zu 26 Prozent durch geringeren Anstieg der Körperkerntemperatur, gestützt auf eine Untersuchung an der University of Colorado Boulder; eine Temperaturwirkung von 5 bis 19 Grad Fahrenheit gegenüber üblicher Bettwäsche, also etwa 3 bis 11 Kelvin; sowie 74 Prozent biologischer Abbau einer Polyestervariante in 726 Tagen.
Die Spanne der zweiten Angabe zeigt das Problem dieser Zahlenreihe exemplarisch. Ein Wert, der je nach Bedingung um den Faktor vier schwankt, ist ohne Angabe der Prüfbedingungen nicht verwertbar — er sagt nur, dass irgendwo zwischen „kaum spürbar" und „sehr deutlich" etwas gemessen wurde. Bei den übrigen Angaben fehlen ebenfalls Prüfnorm, Vergleichsmaterial und Messaufbau.
Die Abbauangabe verdient eine eigene Einordnung: 74 Prozent Abbau in 726 Tagen gelten für eine spezielle Faservariante unter nicht genannten Bedingungen — üblicherweise werden solche Werte unter Deponie- oder Faulschlammbedingungen ermittelt, die mit der Umwelt wenig zu tun haben. Für gewöhnliches Polyester mit Partikelzusatz gilt die Angabe nicht.
37.5, Silber oder Merino: wo der Unterschied liegt
Gegenüber einer silberbasierten Geruchsausrüstung arbeitet 37.5 an einer anderen Stelle der Kette: Silber hemmt die Bakterien, Aktivkohle bindet die entstandenen Moleküle. Beide verhindern den Geruch nicht an der Wurzel — den erzeugt der Stoffwechsel auf der Haut —, aber der Kohlenstoffweg kommt ohne biozid wirksamen Stoff aus und fällt damit nicht unter die EU-Biozidverordnung.
Gegenüber Merinowolle ist die Technologie ein Versuch, eine Eigenschaft nachzubauen, die die Naturfaser von Haus aus hat: Wolle nimmt Wasserdampf in die Faser auf und wirkt dabei lange trocken. Der Unterschied liegt in Haltbarkeit und Trocknungsgeschwindigkeit — Eine Synthetikfaser mit Zusatz scheuert weniger schnell durch und trocknet schneller, ohne den Komfortvorsprung der Wolle vollständig zu erreichen. In der Funktionsunterwäsche ist das die Abwägung, um die es bei diesem Material überhaupt geht.
Praktisch heißt das: 37.5 ist eine ernst zu nehmende Konstruktion mit einem belegbaren strukturellen Vorteil — der Zusatz wäscht nicht aus — und einem ungelösten Nachweisproblem. Wer ein Kleidungsstück damit kauft, kauft ein plausibles Wirkprinzip, keine gemessene Leistung. In der Pflege ist das Material unauffällig: Weil nichts aufgetragen ist, gibt es auch nichts, was Weichspüler oder Hitze von der Oberfläche lösen könnten — es gelten schlicht die Pflegegrenzen der Trägerfaser.

