Komforttemperatur, Wassersäule, RET, R-Wert: vier Zahlen, die auf fast jedem Etikett stehen und über die die meisten Kaufentscheidungen laufen. Keine davon ist eine freie Herstellerangabe. Hinter jeder steht ein genormtes Prüfverfahren mit festgelegtem Aufbau, festgelegtem Klima und festgelegtem Abbruchkriterium — und jede Zahl gilt nur unter genau diesen Bedingungen.
Die vier Seiten in diesem Bereich
ISO 23537-1 — die Temperaturangaben auf Schlafsäcken
Komfort-, Grenz- und Extremtemperatur entstehen an einer beheizten Normpuppe in einer windstillen Kammer bei (10 ± 5) °C. Gemessen wird genau eine Liegeposition; alle drei Werte folgen aus dieser einen Messung über ein Rechenmodell. Die Norm deckt nur Schlafsäcke bis zu einer Grenztemperatur von −20 °C ab.
Wassersäule und Atmungsaktivität — ISO 811, ISO 11092 und EN 343
ISO 811 misst den Wasserdurchgang, ISO 11092 den Wasserdampf-Durchgangswiderstand RET. Beide Normen enthalten keinen einzigen Anforderungswert: Sie beschreiben, wie gemessen wird, nicht ab wann etwas „wasserdicht“ oder „atmungsaktiv“ heißt. Die bekannten Schwellen stammen aus EN 343 — einer Norm für Schutzkleidung im Beruf.
ASTM F3340 — der R-Wert von Isomatten
Seit 2020 messen die großen Hersteller nach demselben Verfahren, davor nach eigenen. Die Norm legt fest, wie gemessen wird — sie sagt nichts darüber, welcher R-Wert für welche Jahreszeit reicht. Und sie verbindet die Isomatte direkt mit dem Schlafsack: ISO 23537-1 misst auf einer Unterlage von rund R 4,8.
PFAS in Outdoorausrüstung — was ab dem 10. Oktober 2026 gilt
Keine Prüfnorm, sondern geltendes EU-Recht: Verordnung (EU) 2024/2462 beschränkt PFHxA in Bekleidung und Schuhen für die breite Öffentlichkeit. Das ist kein PFAS-Verbot, und es ist kein Verkaufsverbot für Ware, die vorher im Handel war.

Die drei Temperaturen nach ISO 23537-1
Auf dem Etikett stehen drei Zahlen. Sie kommen aus einer einzigen Messung an einer beheizten Puppe — alles Weitere rechnet ein Modell. Was die Norm dazu festlegt und was nicht, steht hier.
T_comf Komforttemperatur
Untere Grenze des Komfortbereichs, bis zu der eine Person in entspannter Haltung — etwa auf dem Rücken liegend — im Wärmegleichgewicht bleibt und gerade anfängt zu frieren.
Der Wert, an dem sich ein Kauf ausrichten lässt.
T_lim Grenztemperatur
Untere Grenze, bei der eine Person in zusammengerollter Körperhaltung noch im Wärmegleichgewicht ist und gerade anfängt zu frieren.
Die Kauerstellung wird nicht gemessen, sondern gerechnet.
T_ext Extremtemperatur
Sehr niedrige Temperatur, bei der ein Gesundheitsschaden durch Unterkühlung möglich ist. Anmerkung der Norm: ein Gefahrenpunkt, der zum Tod führen kann.
Kein zugesichertes Überlebensfenster — ein Warnwert.
So entstehen die drei Zahlen
- Gemessen wird
- eine einzige Liegeposition: Puppe auf dem Rücken, Sack zu, Kapuze über dem Kopf
- Prüfklima
- (10 ± 5) °C in einer windstillen Kammer — nicht bei der ausgewiesenen Temperatur
- Unterlage
- Schaumstoffmatratze mit R_ct = (0,85 ± 0,06) m²·K/W, das sind rund R 4,8
- Bekleidung der Puppe
- zweiteiliger Anzug und kniehohe Socken — keine Mütze
- Prüfungen
- drei getrennte Läufe, gebildet wird das arithmetische Mittel
- Nicht erfasst
- Bewegung, Wetterwechsel, Aufwärmphase — bewertet wird nur der stationäre Zustand
Beispielwerte aus Tabelle 1 der ISO 23537-1:2022 für einen Schlafsack mit R_c(1) = 0,900 m²·K/W; die Bandbreiten sind maßstäblich. Die Tabelle endet bei T_lim = −19,5 °C — Schlafsäcke mit niedrigerer Grenztemperatur liegen außerhalb des Geltungsbereichs der Norm. Eine vierte Angabe, die obere Komfortgrenze T_max, steht nur in einem informativen Anhang und ist damit freiwillig.

Zwei weitere Prüfverfahren betreffen die Ausrüstung außerhalb der Bekleidung: EN 417 regelt die Gaskartuschen — Gewinde, Fülldruck und die Odorierung, an der ein Leck zu riechen ist —, und NSF/ANSI P231 ist das Verfahren, auf das sich Hersteller von Wasseraufbereitern berufen.
Warum die Normen einen eigenen Bereich haben
Eine Norm ist weder ein Gattungsbegriff wie „Hardshell“ noch ein Markenmaterial wie eine bestimmte Membran. Sie ist die Autorität, auf die sich beide berufen. Stünde ISO 811 im Glossar, konkurrierte der Eintrag mit dem Begriff „Wassersäule“ um dieselbe Frage; als eigene Seite ist die Norm das Ziel, auf das Glossar und Materialseiten gemeinsam verweisen — die Erklärung steht dann an einer Stelle statt an fünf, und eine Korrektur wirkt überall.
Was eine Norm leistet — und was nicht
Prüfnormen beantworten eine engere Frage, als die Werbung vermuten lässt. Sie machen zwei Produkte vergleichbar, weil beide unter denselben Bedingungen gemessen wurden. Sie sagen dagegen nicht, ob ein Produkt für einen bestimmten Menschen an einem bestimmten Ort taugt: ISO 23537-1 bewertet ausdrücklich nur den stationären Zustand, ASTM F3340 nur den eindimensionalen Wärmefluss durch eine neue Matte, ISO 811 nur kurze bis mittlere Einwirkzeiten von Wasserdruck.
Wie diese Seiten entstanden sind
Für jede Seite wurde der Normtext beschafft, soweit er frei verfügbar ist: ISO veröffentlicht zu vielen Normen eine Vorschau-PDF, die den Anwendungsbereich, die Begriffe und Teile der Prüfverfahren im Wortlaut enthält. Angaben aus diesen Teilen sind als primär belegt gekennzeichnet. Wo die Vorschau abbricht — etwa bei den Anhängen von ISO 23537-1 oder beim Prüfklima von ISO 11092 —, steht auf der jeweiligen Seite ausdrücklich, dass die Angabe aus zweiter Hand stammt. Zahlen, für die sich keine belastbare Quelle finden ließ, stehen nicht in diesen Texten. Das betrifft mehr Angaben, als man erwartet: die bekannte RET-Skala „unter 6 / 6 bis 13 / 13 bis 20 / über 20“ etwa ließ sich an keiner primären Quelle bestätigen.


