ISO 23537-1 — die Temperaturangaben auf Schlafsäcken
Was die Norm überhaupt misst
Auf jedem nach dieser Norm geprüften Schlafsack stehen drei Zahlen: Komforttemperatur, Grenztemperatur, Extremtemperatur. Die Norm definiert sie in Abschnitt 3 so:
- Komforttemperatur — die untere Grenze des Komfortbereichs, bis zu der eine Person „mit entspannter Haltung, etwa auf dem Rücken liegend“ insgesamt im Wärmegleichgewicht ist und gerade an der Schwelle zum Frieren steht.
- Grenztemperatur — dieselbe Schwelle, aber bei zusammengerollter Körperhaltung.
- Extremtemperatur — eine „sehr niedrige Temperatur, bei der das Risiko einer Gesundheitsschädigung durch Unterkühlung möglich ist“. Eine Anmerkung ergänzt: „Dies ist ein Gefahrenpunkt, der zum Tod führen kann.“
Zwei Dinge fallen an diesen Definitionen auf, weil sie der landläufigen Erklärung widersprechen. Erstens: Die Norm spricht durchgehend geschlechtsneutral von „a sleeping bag user“. Die Zuordnung „Komfort = Frau, Grenze = Mann“ steht nicht in den Begriffen, sondern steckt im physiologischen Rechenmodell im Anhang. Zweitens: Es gibt in Abschnitt 3 keine einzige Zeitangabe. Sätze wie „Komfort heißt acht Stunden schlafen“ oder „Extrem heißt sechs Stunden ohne Unterkühlung“ stehen nicht im Normtext. Ebenso wenig das Wort „Überlebensbereich“ — die Norm arbeitet mit der Bezeichnung „risk range“ für den Bereich zwischen Grenz- und Extremtemperatur.

Die drei Temperaturen nach ISO 23537-1
Auf dem Etikett stehen drei Zahlen. Sie kommen aus einer einzigen Messung an einer beheizten Puppe — alles Weitere rechnet ein Modell. Was die Norm dazu festlegt und was nicht, steht hier.
T_comf Komforttemperatur
Untere Grenze des Komfortbereichs, bis zu der eine Person in entspannter Haltung — etwa auf dem Rücken liegend — im Wärmegleichgewicht bleibt und gerade anfängt zu frieren.
Der Wert, an dem sich ein Kauf ausrichten lässt.
T_lim Grenztemperatur
Untere Grenze, bei der eine Person in zusammengerollter Körperhaltung noch im Wärmegleichgewicht ist und gerade anfängt zu frieren.
Die Kauerstellung wird nicht gemessen, sondern gerechnet.
T_ext Extremtemperatur
Sehr niedrige Temperatur, bei der ein Gesundheitsschaden durch Unterkühlung möglich ist. Anmerkung der Norm: ein Gefahrenpunkt, der zum Tod führen kann.
Kein zugesichertes Überlebensfenster — ein Warnwert.
So entstehen die drei Zahlen
- Gemessen wird
- eine einzige Liegeposition: Puppe auf dem Rücken, Sack zu, Kapuze über dem Kopf
- Prüfklima
- (10 ± 5) °C in einer windstillen Kammer — nicht bei der ausgewiesenen Temperatur
- Unterlage
- Schaumstoffmatratze mit R_ct = (0,85 ± 0,06) m²·K/W, das sind rund R 4,8
- Bekleidung der Puppe
- zweiteiliger Anzug und kniehohe Socken — keine Mütze
- Prüfungen
- drei getrennte Läufe, gebildet wird das arithmetische Mittel
- Nicht erfasst
- Bewegung, Wetterwechsel, Aufwärmphase — bewertet wird nur der stationäre Zustand
Beispielwerte aus Tabelle 1 der ISO 23537-1:2022 für einen Schlafsack mit R_c(1) = 0,900 m²·K/W; die Bandbreiten sind maßstäblich. Die Tabelle endet bei T_lim = −19,5 °C — Schlafsäcke mit niedrigerer Grenztemperatur liegen außerhalb des Geltungsbereichs der Norm. Eine vierte Angabe, die obere Komfortgrenze T_max, steht nur in einem informativen Anhang und ist damit freiwillig.

Der Messaufbau — ein einziger Messwert für drei Zahlen
Geprüft wird mit einer beheizten Gliederpuppe nach ISO 15831, Körpergröße (1,70 ± 0,15) m. Sie trägt einen zweiteiligen Anzug mit langen Ärmeln und kniehohe Socken, beides mit einem Wärmedurchgangswiderstand von 0,040 bis 0,060 m²K/W. Eine Mütze ist nicht vorgeschrieben — die Bekleidungsliste in Abschnitt 5.1.2.1 ist abschließend. Was es gibt, ist eine Kälteschutzmaske, und auch die nur unter einer Bedingung: wenn sich die Kapuzenöffnung per Kordel auf unter 120 mm Durchmesser zusammenziehen lässt.
Die Puppe liegt in der Kammer bei einer Umgebungstemperatur von (10 ± 5) °C. Das ist der Punkt, an dem die meisten Erklärungen kippen: Bei −20 °C wird nicht gemessen. Die −20 °C im Normtitel sind die Grenze des Geltungsbereichs, keine Prüftemperatur. Alles, was auf dem Etikett an Minusgraden steht, ist Rechenergebnis.
Unter der Puppe liegt keine beliebige Unterlage, sondern eine Schaumstoffmatratze mit einem materialspezifischen Wärmedurchgangswiderstand von (0,85 ± 0,06) m²K/W, darunter eine Sperrholzplatte nach ISO 1096 mit (20 ± 2) mm Dicke, die mindestens 100 mm über dem Boden steht, damit Luft darunter zirkulieren kann.
Gemessen wird ausschließlich „posture 1“: Die Puppe liegt vollständig im Sack auf dem Rücken, Reißverschlüsse geschlossen, Kapuze über dem Kopf, Kordeln so fest gezogen, wie es ohne Hilfsmittel geht. Alle drei Temperaturwerte folgen aus dieser einen Messung. Die in der Definition der Grenztemperatur genannte zusammengerollte Körperhaltung wird nicht gemessen, sondern gerechnet.
Vor jeder Prüfung wird der Sack 15 Minuten in einer 250-Liter-Trommel ohne Zuladung bei unter 30 °C getrommelt und anschließend 12 Stunden konditioniert. Drei getrennte Prüfungen, jede beginnt mit dem Einlegen der Puppe; gebildet wird das arithmetische Mittel. Vorgesehen sind drei Schlafsäcke desselben Modells; steht nur einer zur Verfügung, muss er zwischen den Läufen erneut vorbehandelt werden, und der Prüfbericht muss das ausweisen.
Wo die Tabelle endet — und warum das die −20 °C erklärt
Abschnitt 4.1 verlangt genau drei Werte, abhängig vom gemessenen Wärmedurchgangswiderstand, abzulesen aus Tabelle 1; Zwischenwerte werden linear interpoliert. Die Tabelle beginnt bei einem Widerstand von 0,500 m²K/W (Extrem +5,0 °C / Grenze +14,2 °C / Komfort +17,2 °C) und endet bei 1,420 m²K/W — dort steht Extrem −42,2 °C, Grenze −19,5 °C, Komfort −11,6 °C.
Das ist kein Zufall: Die Tabelle endet genau dort, wo die Grenztemperatur −20 °C erreicht. Wer einen Sack mit „Limit −25 °C“ bewirbt, bewirbt etwas außerhalb des Geltungsbereichs dieser Norm. Die Temperaturwerte im Nutzungsdiagramm werden auf ganze Zahlen gerundet.
Eine vierte Temperatur kennt die Norm ebenfalls — die Maximaltemperatur, das obere Ende des Komfortbereichs bei teilweise geöffnetem Sack. Sie ist aber nicht Teil der Anforderungen in Abschnitt 4, sondern in einen informativen Anhang ausgelagert und damit optional. Der gelegentlich zu lesende Begriff „Transporttemperatur“ kommt in ISO 23537-1:2022 nicht vor; Abschnitt 3 enthält genau sechs Begriffe, und keiner heißt so.
Die Isomatte gehört zur Messung dazu
Der am häufigsten übersehene Punkt: Die Norm zählt selbst auf, was in den gemessenen Widerstand einfließt — Außenstoff, Füllung, Luftvolumen im Sack, die Grenzluftschicht außen, die Matratze darunter und die getragene Kleidung. Die Komforttemperatur gilt also nur in Verbindung mit einer Unterlage von 0,85 m²K/W, nach der im Handel üblichen Skala rund R 4,8.
Wer einen mit „Komfort −2 °C“ ausgezeichneten Sack auf eine Sommermatte mit R 1,5 legt, betreibt ihn außerhalb der Bedingungen, unter denen die Zahl entstanden ist. Umgekehrt macht eine Matte mit R 8 den Sack nicht wärmer als seine Prüfbedingung — sie stellt sie nur wieder her.
Was die Norm selbst als ihre Grenzen benennt
Der Anwendungsbereich sagt ausdrücklich, dass nur die Leistung „in steady-state conditions“ bewertet wird — der stationäre Zustand. Bewegung, Schwitzen, die Aufwärmphase nach dem Hineinkriechen, ein Wetterwechsel in der Nacht: konstruktionsbedingt nicht erfasst.
Eine zweite Grenze steht als Anmerkung im Anwendungsbereich und ist bemerkenswert offen formuliert: Schlafsäcke „ohne homogene Füllung“, die an einzelnen Stellen gezielt mehr Isolation bieten sollen, bereiten Probleme bei Kalibrierung und Prüfverfahren. Genau solche Konstruktionen sind im Handel verbreitet — die Norm sagt selbst, dass sie sie nicht sauber bewerten kann.
Die Einleitung der Ausgabe 2022 räumt außerdem ein, dass die Streuung zwischen verschiedenen Prüflaboren weiterhin ein Problem ist; mehrere Prüfparameter wurden deshalb verschärft. Der Hintergrund ist in der Fachliteratur dokumentiert: Kuklane und Dejke fanden 2010, dass allein Luftgeschwindigkeit, Isolierung der Matratze und die Zeit zwischen Auspacken und Messung — jeweils innerhalb der zulässigen Toleranzen — bis zu 5 bis 15 Prozent Unterschied im gemessenen Widerstand ausmachten.
Eine dritte, systematische Lücke betrifft das Rechenmodell: Es bewertet nur das globale Wärmegleichgewicht. In Versuchen sank die Zehentemperatur über zwei Stunden kontinuierlich ab, während die mittlere Hauttemperatur neutral blieb. Kalte Füße im rechnerisch passenden Schlafsack sind also kein individuelles Versagen, sondern eine bekannte Schwäche des Modells.
Der alte Name lebt weiter
EN 13537 ist seit dem 26.10.2016 zurückgezogen und wurde durch EN ISO 23537-1 ersetzt; in Deutschland trat DIN EN ISO 23537-1 an ihre Stelle. Trotzdem steht der alte Name bis heute in Produktbeschreibungen und Ratgebern. Der Wechsel war auch keine bloße Umbenennung: Die Prüfparameter wurden verschärft, und die Anforderungen an Stoffe und Materialien wurden in einen eigenen Teil 2 ausgelagert. Die Reihe besteht seither aus genau zwei Teilen.
Die Ausgabe 2022 hat den Geltungsbereich zudem enger gefasst als 2016: Der Ausschluss extremer Klimabedingungen kam neu hinzu.
Hinweis zur Beleglage: Die Angaben zu Anwendungsbereich, Begriffen, Anforderungen und Prüfverfahren stammen aus der von ISO selbst veröffentlichten Vorschau-PDF, die diese Abschnitte im Wortlaut enthält. Nicht zugänglich waren die Anhänge — darunter das physiologische Modell. Die kursierenden Körpermaße der Normpersonen lassen sich deshalb hier nicht belegen; die deutschsprachigen und die englischsprachigen Quellen widersprechen einander sogar beim Gewicht. Sie stehen aus diesem Grund nicht in diesem Text.

