Wassersäule und Atmungsaktivität — ISO 811, ISO 11092 und EN 343
ISO 811: wie die Wassersäule zustande kommt
Das Verfahren ist im Kern schlicht. Der Normtext beschreibt es so: Eine Probe wird einseitig einem stetig steigenden Wasserdruck ausgesetzt, „bis an drei Stellen Durchtritt erfolgt“. Notiert wird der Druck, bei dem das Wasser an der dritten Stelle durchdringt. Der erste Tropfen zählt also ausdrücklich nicht — außer die Prüfpartner vereinbaren es und der Bericht weist es aus.
Die Norm nennt genau zwei zulässige Anstiegsraten: 10 cm Wassersäule pro Minute (± 0,5) oder 60 cm pro Minute (± 3). Und sie sagt selbst dazu: „Ergebnisse, die mit unterschiedlichen Raten gewonnen wurden, können voneinander abweichen.“ Die gewählte Rate ist im Prüfbericht anzugeben; die höhere eignet sich laut Anmerkung besser für Gewebe mit hohem Wasserwiderstand. Daraus folgt unmittelbar: Eine Wassersäulenangabe ohne Angabe der Anstiegsrate ist nicht exakt reproduzierbar.
Weitere Festlegungen, die den Wert beeinflussen: Das Wasser hat 20 ± 2 °C oder 27 ± 2 °C, wobei die höhere Temperatur zu niedrigeren Werten führt. Sehr feine Tröpfchen, die nach ihrer Bildung nicht weiterwachsen, werden nicht gezählt; mehrere Tropfen an derselben Stelle gelten als einer. Tritt Wasser am Einspannrand durch, ist die Prüfung zu verwerfen. Geprüft werden mindestens fünf Proben von verschiedenen Stellen; angegeben werden Einzelwerte und Mittelwert.
Der Anwendungsbereich enthält eine Einschränkung, die selten zitiert wird: Das Ergebnis ist „unmittelbar relevant für das Verhalten von Textilerzeugnissen, die Wasserdruck über kurze bis mittlere Zeiträume ausgesetzt sind“. Über stundenlangen Dauerregen sagt die Zahl nichts.
Was ISO 811 nicht enthält
Die Norm ist ein reines Prüfverfahren. Sie enthält keine Anforderungswerte, keine Klassen und keine Definition von „wasserdicht“. Auch die Branchenbezeichnung „Suter-Test“ kommt im Normtext nicht vor.
Damit stellt sich die Frage, woher die vertrauten Schwellen stammen. Die Antwort: aus EN 343, und die Umrechnung erklärt die krummen Zahlen. 8.000 Pascal ergeben 815,8 mm Wassersäule — daraus wird im Handel „800 mm“. 13.000 Pascal sind 1.325,6 mm, daraus „1.300 mm“. 20.000 Pascal sind 2.039,4 mm, daraus „2 m“.
Die verbreitete Aussage „In Deutschland gilt ab 800 mm als wasserdicht“ ließ sich an keiner deutschen Rechtsvorschrift und an keiner DIN-Norm festmachen. Die Gegenprobe zeigt auch, warum eine allgemeine Schwelle gar nicht sinnvoll wäre: ISO 5912:2020 verlangt für beschichtete Außenzelte mindestens 15.000 Pascal (rund 1.530 mm) und für Zeltböden je nach Stufe bis 50.000 Pascal (rund 5.100 mm) — ein Vielfaches der Bekleidungsschwelle. Was als dicht genug gilt, hängt an der Anwendung, nicht am Begriff.
ISO 11092: RET und das Hautmodell
Die zweite Größe misst die Gegenrichtung — nicht Wasser von außen, sondern Wasserdampf von innen. Das Verfahren heißt im Normtext „sweating guarded-hotplate test“ und wird dort selbst als Hautmodell bezeichnet: Es soll „die Wärme- und Stoffübergangsprozesse simulieren, die unmittelbar neben menschlicher Haut ablaufen“.
Die Probe liegt auf einer elektrisch beheizten Platte, über die konditionierte Luft parallel hinwegströmt. Für die RET-Messung ist die poröse Platte mit einer wasserdampfdurchlässigen, aber flüssigkeitsdichten Membran abgedeckt: Wasser verdampft, ohne die Probe flüssig zu berühren. Gemessen wird die Heizleistung, die nötig ist, um die Plattentemperatur zu halten. Der Widerstand der Grenzluftschicht wird jeweils abgezogen.
RET ist definiert als Wasserdampfdruck-Differenz zwischen beiden Seiten geteilt durch den daraus folgenden Verdunstungswärmestrom je Flächeneinheit, angegeben in m²·Pa/W. Weil es ein Widerstand ist, gilt: je niedriger der Wert, desto durchlässiger das Material. Die Norm gilt für Gewebe, Folien, Beschichtungen, Schäume und Leder einschließlich mehrlagiger Aufbauten — ausdrücklich auch für Schlafsäcke.
Die bekannte RET-Skala steht in keiner Norm
Fast jeder deutschsprachige Ratgeber führt eine Vierer-Skala: unter 6 sehr gut, 6 bis 13 gut, 13 bis 20 befriedigend, über 20 unzureichend. Häufig steht dahinter „nach Hohenstein“.
Der Anwendungsbereich von ISO 11092 sagt dazu wörtlich das Gegenteil: „Die in dieser Internationalen Norm verwendeten Prüfbedingungen sind nicht dazu bestimmt, bestimmte Komfortsituationen abzubilden, und Leistungsanforderungen in Bezug auf den physiologischen Komfort werden nicht angegeben.“ Die Norm enthält keinerlei Bewertungsskala.
Die Zuschreibung an Hohenstein ließ sich ebenfalls nicht bestätigen. Das Institut prüft nach DIN EN ISO 11092 und vergibt die Noten „sehr gut“, „gut“ und „nicht ausreichend“ — aber weder das Factsheet zum Label „Atmungsaktiv“ noch die umfangreiche Broschüre zur Schutzkleidung nennt zu diesen Noten Zahlenwerte; die Anforderung heißt dort „produktspezifisch“. Die kursierende Vierer-Skala ist danach eine Branchenkonvention ohne auffindbaren Urheber.
Normativ verbindliche Zahlen für RET gibt es — aber nur in Anforderungsnormen, und dort stehen andere Werte.

RET: welche Zahlen in einer Norm stehen — und welche nicht
RET misst den Widerstand gegen Wasserdampf: je niedriger, desto weniger staut sich. Gemessen wird nach ISO 11092 — bewertet wird dort nicht. Beide Skalen unten beanspruchen dieselbe Größe.
Normativ EN 343:2019, Schutzkleidung gegen Regen
Branchenkonvention in keiner Norm auffindbar
„The test conditions used in this International Standard are not intended to represent specific comfort situations, and performance specifications in relation to physiological comfort are not stated."
ISO 11092:2014, Abschnitt 1 „Scope", letzter Absatz
RET ist ein Widerstand
Wasserdampf-Druckunterschied geteilt durch den Verdunstungs-Wärmestrom. Eine kleinere Zahl heißt: weniger Widerstand, mehr Durchlass.
Gemessen wird an einer heißen Platte
Das „Hautmodell" hält 35 °C und verdunstet Wasser durch eine Membran. Gemessen wird die Heizleistung — kein flüssiges Wasser berührt den Stoff.
Nur der stationäre Zustand
Die Norm beschreibt ausdrücklich Gleichgewichtsbedingungen. Schwitzen am Anstieg, Windböen und Kleidungswechsel bildet sie nicht ab.
RET und g/m²/24 h sind nicht umrechenbar
MVTR kommt aus dem Becherverfahren. Am selben Stoff liefern fünf Verfahren systematisch verschiedene Zahlen — die Rangfolge ist belegt.
Klassengrenzen nach EN 343:2019; die Ret-Werte dieser Fassung sind über mehrere übereinstimmende Fachquellen belegt, der Normtext selbst lag nur als Entwurf von 2017 vor (dort 40 / 20 / 10). Die untere Skala steht weder in ISO 11092 noch in einer Hohenstein-Veröffentlichung; sie wird hier gezeigt, weil sie im Handel verbreitet ist — nicht, weil sie eine Grundlage hätte.

EN 343: hier stehen die Klassen
EN 343 ist eine Norm für Schutzkleidung gegen den Einfluss von Niederschlag, Nebel und Bodenfeuchte. Sie teilt in vier Klassen ein, jeweils getrennt nach Wasserdurchgangswiderstand und RET:
| Klasse | Wasserdurchgangswiderstand | RET (m²·Pa/W) |
|---|---|---|
| 1 | ≥ 8.000 Pa, ohne Vorbehandlung | über 40 |
| 2 | ≥ 8.000 Pa nach Vorbehandlung | über 25 bis 40 |
| 3 | ≥ 13.000 Pa nach Vorbehandlung | über 15 bis 25 |
| 4 | ≥ 20.000 Pa nach Vorbehandlung | bis 15 |
Entscheidend ist die Spalte „nach Vorbehandlung“. Die Norm verlangt vor der Wasserprüfung Reinigung, Abrieb, 9.000 Zyklen wiederholtes Knicken sowie eine Behandlung mit Kraftstoff und Öl. Gemessen wird also nicht der Neuzustand, sondern der Zustand nach definierter Beanspruchung — und genau das unterscheidet Klasse 2 von Klasse 1, obwohl beide denselben Zahlenwert tragen. Ergeben verschiedene Prüfungen verschiedene Klassen, gilt die niedrigste. Unter der RET-Tabelle steht im Normentwurf ein Warnhinweis im Großbuchstabensatz: Alle Klassen können zu einer begrenzten Tragedauer führen.
Die Normungslage ist derzeit uneinheitlich, und das ist keine Spitzfindigkeit: DIN hat DIN EN 343:2019-06 zurückgezogen und durch DIN EN ISO 24232:2026-05 ersetzt. Der Durchführungsbeschluss (EU) 2026/1279 vom 12.06.2026 über die harmonisierten Normen zur PSA-Verordnung listet dagegen weiterhin EN 343:2019; die Zeichenfolge „24232“ kommt in diesem Beschluss nicht vor. Normungs- und Harmonisierungslage laufen also auseinander.

Wassersäule: woher die Zahlen kommen
Die Wassersäule wird nach ISO 811 gemessen — Schwellenwerte enthält diese Norm aber keine. Jede Zahl, die als Grenze gilt, steht in einer anderen Norm, und die verlangt je nach Anwendung sehr Verschiedenes.
Bekleidung EN 343:2019
Campingzelt ISO 5912:2020
Mehr ist nicht automatisch besser
Der Zeltboden verlangt das Sechsfache der höchsten Bekleidungsklasse. Die Schwelle hängt an der Anwendung, nicht am Begriff „wasserdicht".
Zwei zulässige Anstiegsraten
ISO 811 erlaubt 10 oder 60 cm Wassersäule je Minute und schreibt selbst: Ergebnisse unterschiedlicher Raten müssen nicht gleich sein.
Gemessen wird die dritte Stelle
Notiert wird der Druck, bei dem Wasser an der dritten Stelle durchtritt — nicht der erste Tropfen. Der Erstwert ist nur nach Vereinbarung zulässig.
EN 343 ist Arbeitsschutzrecht
Die Klassen gehören zur PSA-Verordnung. Eine private Regenjacke gegen normales Wetter ist von deren Anwendungsbereich ausdrücklich ausgenommen.
Skala in Millimeter Wassersäule, umgerechnet aus den Pascal-Werten der Normen (1 Pa = 0,101 971 62 mm H₂O). Die verbreitete Aussage „ab 800 mm gilt etwas als wasserdicht" hat keinen Ursprung in einer Norm: 8 000 Pa sind schlicht die unterste Klassengrenze von EN 343. Eine Definition von „wasserdicht" für Freizeitkleidung existiert nicht.

RET und die Gramm-Angaben sind nicht ineinander umrechenbar
Neben RET kursiert eine zweite Atmungsaktivitäts-Zahl: die Wasserdampfdurchlässigkeit in Gramm je Quadratmeter und 24 Stunden. Beide messen etwas anderes. RET ist ein Widerstand, ermittelt an einer beheizten, „schwitzenden“ Platte über den Wärmestrom. Die Gramm-Angabe ist ein Massenstrom, ermittelt im Becherverfahren: Der Stoff wird über einen Becher mit Wasser oder Trockenmittel gespannt, gewogen wird die Gewichtsänderung.
Dass die Verfahren nicht austauschbar sind, ist gemessen. McCullough, Kwon und Shim verglichen 2003 an 26 wasserdicht-atmungsaktiven Oberstoffen fünf Verfahren. Ergebnis: Die Werte waren durchgehend am höchsten mit dem umgedrehten Becher plus Trockenmittel, danach folgten umgedrehter Becher, DMPC und aufrechter Becher. Die Rangfolge ist systematisch, nicht zufällig. Hinzu kommt die Vielfalt innerhalb der Verfahren — allein ASTM E96 kennt sechs Varianten mit Temperaturen von 23 bis 37,8 °C und Luftfeuchten von 50 bis 90 Prozent; BS 7209 liefert überhaupt keinen Gramm-Wert, sondern einen Prozentindex gegen eine Referenzprobe.
Eine Gramm-Angabe ohne Nennung von Verfahren, Becherlage, Temperatur und Luftfeuchte ist zwischen Herstellern nicht vergleichbar.
Ihre eigenen Zahlen einordnen
Was hier über die Verfahren steht, lässt sich auf die Angaben Ihrer Jacke anwenden: Für den RET-Wert stellt er die drei kursierenden Einordnungen nebeneinander, statt eine davon zur richtigen zu erklären — und bei der Gramm-Angabe sagt er, was oben steht: dass sich daraus kein RET-Wert gewinnen lässt.
Hinweis zur Beleglage: Die Angaben zu Verfahren, Prüffläche, Anstiegsraten und Abbruchkriterium stammen aus den Vorschau-PDFs, die ISO selbst veröffentlicht und die den Normtext dieser Abschnitte im Wortlaut enthalten. Die Vorschau von ISO 11092 bricht vor den Prüfklimabedingungen ab; die kursierenden Angaben dazu sind nur aus zweiter Hand belegt und widersprechen einander teilweise — sie stehen deshalb nicht in diesem Text. Die RET-Klassengrenzen der veröffentlichten EN 343:2019 sind ebenfalls nur sekundär belegt: Im Original lag nur der Entwurf von 2017 vor, der noch 40/20/10 nennt. Von ISO 11092 ist inzwischen eine dritte Ausgabe von 2026 erschienen, die hier nicht eingesehen werden konnte.

