Atmungsaktivität: wie Stoffe Wasserdampf durchlassen
Eigenschaften Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026

Atmungsaktiv heißt ein Stoff, der Wasserdampf durchlässt. Gemeint ist ausschließlich Dampf — Luft muss dafür nicht hindurch, und flüssiges Wasser soll es ausdrücklich nicht. Der Zweck ist, den Schweiß abziehen zu lassen, bevor er sich als Nässe in der Kleidung sammelt.
Wie viel das sein muss, lässt sich beziffern: Beim Wandern unter Last fallen 0,8 bis 1,4 Liter Schweiß je Stunde an (Schwitzrate). Das ist der Maßstab, an dem sich jede Zahl auf einem Etikett messen lassen muss.
MVTR und RET: zwei Kennzahlen, gegenläufig
Der MVTR-Wert (moisture vapour transmission rate) gibt an, wie viel Dampf durchkommt — in Gramm je Quadratmeter und 24 Stunden. Je höher, desto besser. Im Handel stehen Werte von etwa 4.000 bis über 50.000 g/m²/24 h.
Der RET-Wert misst das Gegenteil: den Widerstand, den das Material dem Dampf entgegensetzt, in m²·Pa/W nach ISO 11092. Je niedriger, desto besser. Beide beschreiben dieselbe Eigenschaft, aber sie lassen sich nicht ineinander umrechnen — die Prüfaufbauten sind zu verschieden.

Warum Membranen bei Kälte nicht zu atmen scheinen
Der Antrieb für den Dampftransport ist die Differenz der Wasserdampf-Partialdrücke — und die ist bei Kälte nicht kleiner, sondern größer: innen 56,1 hPa an gesättigter Haut von 35 °C, außen 3,8 hPa bei −5 °C und 90 % Feuchte. Was sich ändert, ist die Temperatur im Schichtpaket.
Außenlage über dem Taupunkt
Der Dampf zieht durch

Die Isolation bleibt locker und trocken. Der Wasserdampf wandert durch die Außenlage nach draußen, weil deren Innenseite wärmer ist als der Taupunkt der Luft darunter.
- Tritt auf bei
- Milde Bedingungen, mäßige Anstrengung, gute Belüftung
Außenlage unter dem Taupunkt
Der Dampf fällt als Wasser aus

An der Innenseite der kalten Außenlage schlägt sich Wasser nieder, bei Frost als Reif. Die Isolation darunter fällt zusammen und dämmt schlechter — die Membran ist unverändert durchlässig.
- Tritt auf bei
- Kälte, hohe Schwitzrate, geschlossene Jacke
Der Taupunkt ist eine Eigenschaft der Luft, nicht des Materials, an dem das Wasser ausfällt: Bei 20 °C und 50 % relativer Feuchte liegt er bei 9,3 °C, bei 80 % schon bei 16,4 °C. Wer bei Kälte trocken bleiben will, muss deshalb weniger Dampf erzeugen oder ihn früher abführen — eine durchlässigere Membran hilft hier nicht.

Warum dieselbe Membran verschiedene Zahlen bekommt
Drei Verfahren begegnen im Outdoorbereich am häufigsten, und sie prüfen bei drei verschiedenen Temperaturen:
Der Dampfdruck steigt mit der Temperatur steil an. Eine Prüfung bei 40 °C liefert deshalb systematisch höhere Zahlen als eine bei 23 °C — ohne dass sich am Material irgendetwas geändert hätte. Dieselbe Membran kam in einem veröffentlichten Vergleich nach JIS L 1099 A1 auf 10.200 und nach ASTM E96 B auf 900 g/m²/24 h. Faktor elf, allein durch die Methode.
Wer zwei MVTR-Zahlen vergleichen will, muss also zuerst wissen, nach welchem Verfahren sie entstanden sind. Steht das nicht dabei — und das ist der Normalfall —, ist der Vergleich wertlos.
Was die Zahl in der Praxis bedeutet
Auch die ehrlichste Laborzahl beschreibt den Stoff, nicht die Jacke. Dazwischen liegen vier Dinge, die alle in dieselbe Richtung wirken:
Wasserdampfdurchlässigkeit
Wasserdampfdurchlässigkeit ist der deutsche Fachbegriff für dieselbe Größe und wird in derselben Einheit angegeben. Beide Wörter meinen dasselbe; welches auf dem Etikett steht, hängt vom Hersteller ab, nicht vom Material.

