Faser: woraus jedes Garn und jeder Stoff besteht
Fasern & Garne Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
Eine Faser ist ein im Verhältnis zu ihrer Länge dünnes, biegsames Gebilde. Sie kann nur Zugkräfte aufnehmen — unter Druck knickt sie weg. Tragfähig wird sie erst im Verbund: versponnen zum Garn, verwoben oder verstrickt zum Stoff.
Alles, was ein Textil kann, beginnt hier. Vier Unterscheidungen genügen, um die Eigenschaften eines Stoffes einzuordnen.
1. Herkunft
„Kunstfaser" und „Chemiefaser" meinen dasselbe. Der entscheidende Unterschied zur Natur ist nicht die Qualität, sondern die Freiheit beim Entwurf: Länge, Dicke, Querschnitt und Oberfläche lassen sich festlegen. Deshalb sitzen Chemiefasern überall dort, wo eine Eigenschaft gezielt gebraucht wird — Feuchtetransport, Elastizität, Reißfestigkeit.
2. Stapelfaser oder Filament
Ein Filament ist endlos lang; es kommt so aus der Spinndüse. Ein Stapel ist eine kurze Faser, die zum Garn gedreht werden muss — alle Naturfasern außer Seide sind Stapelfasern.
Der Unterschied ist im Stoff spürbar: Filamentgarne sind glatt, glänzend und scheuerfest; Stapelgarne sind flauschiger, matter und wärmer, weil zwischen den Faserenden Luft steht. Chemiefasern gibt es in beiden Formen — Fleece etwa ist aus geschnittenen, also stapelartigen Fasern aufgebaut, eine Zeltbahn aus Filamenten. Mehr dazu unter Filamentgarn.
3. Feinheit
Die Dicke einer Faser wird nicht in Millimetern angegeben, sondern über ihr Gewicht je Länge: dtex ist das Gewicht in Gramm je 10.000 Meter, Denier das Gewicht in Gramm je 9.000 Meter. Je kleiner die Zahl, desto feiner die Faser.

Polyester oder Polyamid: eine Zahl erklärt das meiste
Beide sind Chemiefasern, beide trocknen schneller als Baumwolle. Zwischen ihnen liegen aber zwei messbare Unterschiede — und der erste davon erklärt, warum fast jedes Ausrüstungsstück aus beiden besteht.
Feuchterückgewinn
Wie viel Wasser eine ofentrockene Faser aus der Luft aufnimmt, in Prozent ihres Trockengewichts (ISO 139)
Was nicht in der Faser steckt, muss auch nicht heraus. Darum trocknet Polyester am schnellsten, bleibt formstabil und wärmt auch feucht — und darum riecht es, weil der Schweiß außen auf der Faser sitzt.
Die Arbeitsteilung

Polyamid
Nylon, Perlon
- Stark
- Zäher, hält Scheuern besser aus
- Schwach
- Wird in der Sonne spröde, nimmt zehnmal mehr Feuchte auf
- Typisch für
- Rucksackböden, Hosenknie, Gamaschen, Gepäck

Polyester
PET, dieselbe Chemie wie Getränkeflaschen
- Stark
- Trocknet am schnellsten, verträgt Sonne
- Schwach
- Weniger abriebfest, nimmt Gerüche an
- Typisch für
- Funktionswäsche, Fleece, Zeltaußenhaut
Keine der beiden Fasern ist die bessere. An fast jedem Ausrüstungsstück findet man beide — Polyester dort, wo Trockenzeit und Sonne zählen, Polyamid dort, wo gescheuert wird. Ein Rucksack aus reinem Polyester wäre leichter und UV-fester, aber sein Boden wäre früher durch; eine Funktionsjacke aus reinem Polyamid wäre robuster und bliebe länger klamm.

Unterhalb von 1 dtex spricht man von Mikrofaser. Bei Wolle wird stattdessen der Durchmesser in Mikrometern angegeben — dieselbe Frage, andere Einheit.
4. Querschnitt
Chemiefasern müssen nicht rund sein. Profilierte Querschnitte (dreieckig, sternförmig, mit Rillen) vergrößern die Oberfläche und leiten Feuchtigkeit über Kapillarwirkung schneller weiter — das Prinzip hinter vielen Funktionsshirts. Hohle Fasern schließen Luft im Inneren ein und wärmen dadurch besser bei gleichem Gewicht; mehr unter Hohlfaser.

