Zum Inhalt springen

Sorona Funktionsmaterial

Fasern & Kunststoffe Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026

Sorona ist der Markenname für eine Polyesterfaser, die sich von gewöhnlichem Polyester in einem einzigen, aber folgenreichen Punkt unterscheidet: im Alkohol, aus dem sie aufgebaut ist. Chemisch handelt es sich um Polytrimethylenterephthalat, kurz PTT. Aus dieser Molekülstruktur folgen zwei Dinge — eine ungewöhnliche Rückstellkraft und die Möglichkeit, einen erheblichen Teil des Ausgangsmaterials aus Pflanzen statt aus Erdöl zu gewinnen.

PTTPolytrimethylenterephthalat, chemische Bezeichnung der Faser
37 ProzentAnteil nachwachsender Rohstoffe nach Herstellerangabe
2000Jahr der Markteinführung durch DuPont
Triextader in den USA zugelassene Gattungsname

Warum die Sorona-Kette wie eine Feder wirkt

Ein Polyester entsteht aus einer Säure und einem Alkohol. Beim verbreiteten Polyethylenterephthalat ist der Alkohol Ethylenglykol mit zwei Kohlenstoffatomen; bei PTT ist es 1,3-Propandiol mit drei. Dieser eine zusätzliche Baustein verändert die Geometrie der Kette grundlegend.

Bei einer geraden Anzahl von Methylengruppen legen sich die Molekülketten gestreckt und dicht nebeneinander. Bei einer ungeraden geht das nicht: Die Kette knickt regelmäßig ab und nimmt eine gezackte, schraubenartige Form an. Eine solche Kette verhält sich wie eine Feder — sie lässt sich auseinanderziehen und zieht sich zurück, ohne dass Bindungen brechen.

Daraus folgt die praktisch wichtigste Eigenschaft der Faser: eine hohe elastische Rückstellung, die nicht auf einem Zusatz beruht, sondern auf dem Polymer selbst. Ein Gewebe oder Gestrick aus PTT kann dehnbar sein, ohne dass Elasthan eingearbeitet wird — und damit ohne dessen Empfindlichkeit gegen Hitze, Chlor und Alterung. Für eine Trekkinghose, die jahrelang gewaschen und getrocknet wird, ist das der eigentliche Gewinn.

Infografik
Outdoor Beratung und Ratgeber
Fasern

Polyester oder Polyamid: eine Zahl erklärt das meiste

Beide sind Chemiefasern, beide trocknen schneller als Baumwolle. Zwischen ihnen liegen aber zwei messbare Unterschiede — und der erste davon erklärt, warum fast jedes Ausrüstungsstück aus beiden besteht.

Feuchterückgewinn

Wie viel Wasser eine ofentrockene Faser aus der Luft aufnimmt, in Prozent ihres Trockengewichts (ISO 139)

Polyester 0,4 %
Polyamid 4,0 %
Baumwolle 8,5 %
Wolle 16,0 %

Was nicht in der Faser steckt, muss auch nicht heraus. Darum trocknet Polyester am schnellsten, bleibt formstabil und wärmt auch feucht — und darum riecht es, weil der Schweiß außen auf der Faser sitzt.

Die Arbeitsteilung

Polyamid

Nylon, Perlon

Stark
Zäher, hält Scheuern besser aus
Schwach
Wird in der Sonne spröde, nimmt zehnmal mehr Feuchte auf
Typisch für
Rucksackböden, Hosenknie, Gamaschen, Gepäck

Polyester

PET, dieselbe Chemie wie Getränkeflaschen

Stark
Trocknet am schnellsten, verträgt Sonne
Schwach
Weniger abriebfest, nimmt Gerüche an
Typisch für
Funktionswäsche, Fleece, Zeltaußenhaut

Keine der beiden Fasern ist die bessere. An fast jedem Ausrüstungsstück findet man beide — Polyester dort, wo Trockenzeit und Sonne zählen, Polyamid dort, wo gescheuert wird. Ein Rucksack aus reinem Polyester wäre leichter und UV-fester, aber sein Boden wäre früher durch; eine Funktionsjacke aus reinem Polyamid wäre robuster und bliebe länger klamm.

Mit KI-Unterstützung erstellt Schematische, nicht maßstabsgetreue Darstellung.
Mehr dazu: Polyamid · Merinowolle · Faser

Woher die 37 Prozent aus Mais kommen

Das 1,3-Propandiol für Sorona wird nicht chemisch synthetisiert, sondern fermentiert. Als Ausgangsstoff dient Glukose aus Mais; sie wird mit gentechnisch veränderten Escherichia-coli-Bakterien in einem Verfahren vergoren, das der Hersteller selbst mit Bierbrauen vergleicht. Für dieses Fermentationsverfahren erhielt DuPont 2003 den Presidential Green Chemistry Challenge Award.

Die zweite Komponente, die Terephthalsäure, stammt weiterhin aus Erdöl. Aus dem Massenverhältnis der beiden Bausteine ergibt sich der oft genannte Anteil von rund 37 Prozent nachwachsender Rohstoffe. Diese Zahl ist eine Massenangabe und keine Aussage über die Umweltwirkung — sie sagt, woher die Atome kommen, nicht wie viel Energie die Herstellung gekostet hat.

Sorona, Standardpolyester und Polyamid im Vergleich

EigenschaftPTT (Sorona)PET (Standardpolyester)Polyamid 6.6
Diol in der Kette1,3-Propandiol, drei KohlenstoffeEthylenglykol, zwei Kohlenstoffekein Diol — Amidbindung statt Ester
Elastische Rückstellunghoch, aus der Kettengeometriegeringmittel
Feuchteaufnahmegeringgeringdeutlich höher
Scheuerfestigkeitgutgutam höchsten
Griffweicheher glatt und kühlglatt, leicht wachsig

Gegenüber Standardpolyester ist das kein Festigkeits-, sondern ein Griff- und Rückstellunterschied. PTT lässt sich zudem bei niedrigeren Temperaturen färben als PET, was im Veredlungsprozess Energie spart. Gegenüber Polyamid bleibt der klassische Polyestervorteil erhalten: Die Faser nimmt kaum Wasser auf und trocknet entsprechend schnell.

Was die Fermentation einspart und was sie kostet

Chemische Synthese und Fermentation unterscheiden sich nicht nur im Rohstoff, sondern im ganzen Anlagenkonzept. Ein Fermenter arbeitet bei dreißig bis vierzig Grad und Normaldruck, eine klassische Propandiol-Synthese dagegen über Zwischenstufen, die hohe Drücke und Temperaturen verlangen. Das ist der Grund, warum solche Verfahren überhaupt als energieärmer gelten — der Vergleich hängt allerdings vollständig daran, welches Referenzverfahren man heranzieht.

Die Kehrseite ist der Flächenbedarf. Der Zucker stammt aus Mais, und jede Tonne Faser bindet damit landwirtschaftliche Fläche. Der Hersteller betont, es handle sich um Industriemais, der nicht für die Nahrungsmittelherstellung bestimmt ist; die Fläche selbst steht trotzdem in Konkurrenz zu anderen Nutzungen. Welche der beiden Seiten schwerer wiegt, lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern nur über eine Ökobilanz mit offengelegten Systemgrenzen — und genau die liegt für Sorona öffentlich nicht vor.

Für die Beurteilung eines Kleidungsstücks heißt das: Der Hinweis auf eine biobasierte Faser ist ein Hinweis auf die Rohstoffherkunft und nicht mehr. Er ersetzt keine Aussage über Energieeinsatz, Wasserverbrauch, Chemikalien in der Veredlung oder das Verhalten am Lebensende.

Warum DuPont Sorona heute nicht mehr stimmt

Die verbreitete Bezeichnung „DuPont Sorona" ist inzwischen überholt. DuPont brachte die Faser im Jahr 2000 auf den Markt, hat das Biomaterialgeschäft aber ausgegliedert: Es firmiert seit 2022 als Covation Biomaterials beziehungsweise CovationBio und gehört mehrheitlich nicht mehr zu DuPont. Wer heute Sorona bezieht, bezieht es von diesem Unternehmen.

Für den Käufer ändert das zunächst nichts, für die Einordnung von Herstellerangaben schon: Ältere Datenblätter und Werbeaussagen stammen von DuPont, neuere von CovationBio, und sie sind nicht automatisch deckungsgleich. Die genannten Zertifikate — USDA BioPreferred, bluesign® Systempartner, OEKO-TEX® ECO PASSPORT — betreffen Rohstoffherkunft und Chemikalienmanagement, nicht die Fasereigenschaften.

Teppich, Auto, Outdoor: wo Sorona tatsächlich steckt

Mengenmäßig ist der größte Markt nicht Bekleidung, sondern Teppichboden; dort zählen Rückstellkraft und Fleckenunempfindlichkeit unmittelbar. Zweiter großer Abnehmer ist der Fahrzeuginnenraum. In der Outdoorbekleidung taucht Sorona in zwei Rollen auf: als Anteil in dehnbaren Geweben, wo es Elasthan ganz oder teilweise ersetzt, und als Füllmaterial in Isolationsjacken, wo die Rückstellkraft für die Erholung des Bauschs nach dem Zusammenpacken sorgt — der Grund, warum die Faser auch in mancher Winterjacke steckt.

In beiden Fällen steht die Faser selten allein. Üblich sind Mischungen mit Standardpolyester oder Baumwolle, bei denen der PTT-Anteil die Elastizität liefert und der Rest die Kosten begrenzt. Das Pflegeetikett weist Sorona dabei nach europäischem Recht als „Polyester" aus — die Marke steht, wenn überhaupt, nur in der Produktbeschreibung.

Im Etikett steht nur Polyester — was dann zählt

Weil Sorona im Pflegeetikett schlicht als Polyester erscheint, taucht die Marke nur in der Produktbeschreibung auf — und dort ohne Mengenangabe. Die erste Frage lautet deshalb, wie hoch der Anteil ist: Ein Gewebe mit zwanzig Prozent PTT verhält sich anders als eines, das vollständig daraus besteht, und nur im zweiten Fall lässt sich auf Elasthan verzichten.

Die zweite Frage betrifft die Dehnbarkeit. Steht neben der Sorona-Angabe zusätzlich ein Elasthananteil, liefert das Elasthan die Elastizität — und dann gelten auch dessen Pflegegrenzen. Ein Kleidungsstück, dessen Stretch wirklich aus dem Polymer kommt, kommt ohne Elasthan aus; das ist im Etikett unmittelbar ablesbar, bei einem Funktionsshirt genauso wie bei einer Hose.

Grenzen: Fett, Hitze und Mikroplastik

Die Schwächen von PTT sind die des Polyesters allgemein. Die Faser ist oleophil: Fett und Öl ziehen in sie ein und lassen sich schwer wieder herauswaschen, weshalb Sportbekleidung aus Polyester zu Geruchsbildung neigt. Sie ist hitzeempfindlicher als Polyamid und verträgt keine heiße Bügelsohle. Und sie setzt beim Waschen Fasern frei, die als Mikroplastik ins Abwasser gelangen — bei PTT genauso wie bei PET.

In der Pflege gelten deshalb dieselben Regeln: kühl waschen, niedrig schleudern, keinen Weichspüler, nicht heiß trocknen. Der Vorteil gegenüber einem elasthanhaltigen Gewebe liegt gerade hier — Ein Gewebe, dessen Dehnbarkeit aus der Polymerstruktur stammt, verliert sie nicht durch Hitze oder Chlor, sondern allenfalls durch mechanische Ermüdung über viele Jahre.

Inhalt

Gefällt dir, was du hier liest?

Teilen-Bild zu Sorona: dehnbar ohne Elasthan, 37 % Mais | Outdoorberater

Gefällt dir, was du hier liest?

Wir stecken viel Arbeit in outdoorberater.de — gemessene Angaben statt Werbesprüche, keine Bezahlschranke, keine Werbeflut. Wenn dir das hilft, ist Weiterempfehlen die schönste Art, Danke zu sagen. Jedes Teilen hilft anderen, uns zu finden, und hält das Projekt am Leben.

Zurück zum Seitenanfang