Lyocell und Tencel: Faserart und Markenname
Fasern & Garne Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
Lyocell ist eine Faser aus Zellulose — gewonnen aus Holz, meist Buche oder Eukalyptus. Sie gehört damit weder zu den Naturfasern noch zu den vollsynthetischen: Der Rohstoff ist natürlich, die Faser selbst wird industriell geformt. Der Fachbegriff dafür ist regenerierte Zellulosefaser.
Was Lyocell von älteren Zellulosefasern wie Viskose unterscheidet, ist das Verfahren. Der Zellstoff wird in NMMO gelöst — N-Methylmorpholin-N-oxid, ein zyklisches Aminoxid mit der ungewöhnlichen Eigenschaft, Zellulose direkt zu lösen, ohne sie chemisch zu verändern. Aus der Lösung wird die Faser ausgefällt; das Lösungsmittel bleibt übrig und wird wiederverwendet.
Lyocell ist die Faser, Tencel die Marke
Die beiden Begriffe werden oft gleichgesetzt, und das ist falsch herum gedacht. Lyocell ist die generische Faserbezeichnung — jeder Hersteller, der nach diesem Verfahren produziert, stellt Lyocell her. Tencel ist der Markenname, unter dem die Lenzing AG ihre Lyocellfaser vertreibt.
Praktisch heißt das: „Tencel" ist eine Herkunftsangabe und bringt die Zertifizierungen dieses Herstellers mit — unter anderem das EU Ecolabel und Oeko-Tex Standard 100. „Lyocell" ohne Zusatz sagt nur, nach welchem Verfahren die Faser entstanden ist, nicht von wem und unter welchen Bedingungen.

Der Querschnitt entscheidet
Zwei Fasern aus demselben Rohstoff können sich völlig unterschiedlich verhalten. Was sie unterscheidet, sieht man erst im Schnitt.

-
Rund und massiv
Der Grundfall. Die Faser ist durchgehend gefüllt, die Oberfläche glatt. Sie nimmt weder viel Luft auf noch leitet sie Feuchte besonders gut weiter.
-
Hohl
Der innere Kanal schließt Luft ein. Bei gleichem Gewicht dämmt eine Hohlfaser besser — die ruhende Luft steckt in der Faser selbst, nicht erst zwischen den Fasern.
-
Kantig
Die Längskanten halten das Gewebe auf Abstand von der Haut und werfen Licht zurück. Solche Fasern fühlen sich kühler an und glänzen stärker.
-
Gelappt
Die Längsrinnen zwischen den Lappen wirken wie Kapillaren: Sie ziehen Feuchte an der Faser entlang in die Fläche, wo sie verdunsten kann.
Die Rohstoffangabe auf dem Etikett sagt wenig über das Verhalten eines Gewebes. Dieselbe Polyesterfaser kann rund, hohl, kantig oder gelappt gesponnen werden — und verhält sich dann bei Wärme, Feuchte und Griff jedes Mal anders.

Eigenschaften im Gebrauch
Lyocell nimmt mehr Feuchtigkeit auf als Polyester und gibt sie langsamer ab — darin ähnelt es Baumwolle. Für die Basisschicht bei kalter Witterung ist das der bekannte Nachteil: Was Wasser bindet, kühlt beim Trocknen. Für Shirts bei warmem Wetter kehrt sich das um, weil genau diese Verdunstung dann erwünscht ist.
Charakteristisch ist außerdem der weiche, glatte Griff und der kühle Anfasseffekt. Deshalb taucht Lyocell im Outdoorbereich vor allem in Mischungen auf: mit Merinowolle, um den Griff zu verbessern und die Haltbarkeit zu erhöhen, oder mit Polyester, um einem Funktionsshirt ein angenehmeres Tragegefühl zu geben.
Eine Eigenart ist die Fibrillierung: Unter Nassreibung spalten sich feinste Fäserchen von der Faseroberfläche ab. Gewollt ergibt das einen weichen Pfirsichgriff, ungewollt eine flusige Oberfläche. Hersteller steuern das über Nachbehandlungen — und es ist der Grund, warum Lyocell schonend gewaschen werden will.
Abgrenzung: Lyocell, Viskose, Modal
Alle drei sind regenerierte Zellulosefasern und unterscheiden sich im Verfahren. Viskose arbeitet mit Schwefelkohlenstoff und Natronlauge, verändert die Zellulose chemisch und hat die aufwendigere Abwasserseite. Modal ist ein Viskoseverfahren mit höherer Nassfestigkeit. Lyocell ist das jüngste und kommt mit einem Lösungsmittel aus, das im Kreis geführt wird.
Nicht zu verwechseln ist Lyocell mit biobasierten Fasern wie Sorona: Dort wird aus pflanzlichem Rohstoff ein Polymer aufgebaut, das es in der Natur so nicht gibt. Bei Lyocell bleibt die Zellulose Zellulose, sie wird nur in eine andere Form gebracht.

