Polartec Thermal Pro® Funktionsmaterial
Fleece & Strickware Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
Thermal Pro ist der Name, unter dem Polartec seine Isolationsstoffe führt — und der Grund, warum zwei Jacken mit demselben Etikett sich völlig verschieden anfühlen können. Es handelt sich nicht um einen Stoff, sondern um eine Familie. Polartec selbst beschreibt sie als „available in a vast variety of styles and textures“ mit „advanced knit constructions“, also mit fortgeschrittenen Strickkonstruktionen, die Leistung und Aussehen zugleich bestimmen.
Wer eine konkrete Zahl zu Thermal Pro sucht, sucht deshalb vergeblich: Es gibt keine. Was es gibt, ist ein gemeinsames Funktionsprinzip und eine sehr breite Spanne an Ausführungen.
Wie Thermal Pro die Luft in der Fläche hält
Alle Thermal-Pro-Stoffe sind Maschenware aus Polyester, deren Oberfläche nach dem Stricken mechanisch bearbeitet wird. Rauwalzen mit feinen Häkchen reißen die Schlingen auf und stellen Faserenden auf; anschließend wird der Flor geschoren und thermisch fixiert. Dieser Flor hält Luft fest, und ruhende Luft ist der eigentliche Dämmstoff. Polyester selbst leitet Wärme nicht nennenswert schlechter als andere Kunststoffe — die Isolationswirkung entsteht fast vollständig durch die stehende Luft dazwischen.
Daraus folgt unmittelbar die Stellgröße: Je höher der Flor, desto mehr Luft und desto wärmer der Stoff — und desto schwerer und sperriger. Jede Ausführung innerhalb von Thermal Pro ist eine andere Antwort auf diese Abwägung. Genau sie entscheidet darüber, ob aus dem Stoff eine dünne Fleecejacke wird oder ein Oberteil für den Stand in der Kälte.
Der zweite Hebel ist die Verteilung. Ein Flor muss nicht flächig stehen. Wird er in Stegen oder Noppen angeordnet, mit Zwischenräumen, fällt Gewicht weg und es entstehen Kanäle für den Wasserdampf. Der Stoff wärmt etwas weniger gleichmäßig, lüftet dafür erheblich besser. Genau mit solchen Strukturen arbeiten die auffälligeren Thermal-Pro-Varianten.
High Loft, Velours oder Gitter: welche Bauart wofür
Polartec veröffentlicht zu Thermal Pro keine Liste einzelner Stile mit Gewichtsangaben. Was sich aus den Produktbeschreibungen und der Stoffsystematik des Herstellers ablesen lässt, sind die Bauarten.
| Bauart | Flor | Verhalten | wofür gedacht |
|---|---|---|---|
| High Loft | hoch, locker, zottig | viel Luft bei wenig Masse, komprimierbar | Kälte, Pausen, Lager |
| Velours | kurz, dicht, gleichmäßig | glatt, windstabiler, weniger auftragend | Zwischenlage unter der Schale |
| strukturiert (Gitter, Noppen, Waffel) | in Stegen mit Zwischenräumen | leichter, lüftet besser, wärmt ungleichmäßiger | Bewegung, Aufstieg |
| Thermal Pro FR | je nach Stil | flammhemmend ausgerüstet | Berufs- und Einsatzkleidung |
Die High-Loft-Bauart ist diejenige, die man am ehesten wiedererkennt: lange, lockere Fasern, die an ein Schaffell erinnern, mit viel Luftvolumen bei geringer Masse. Sie ist die wärmste Ausführung je Gramm, dafür die empfindlichste gegen Reibung und am wenigsten windstabil, weil der lockere Flor der Luft kaum Widerstand entgegensetzt.
Die Velours-Bauart entspricht im Charakter dem klassischen Fleece der Classic-Reihe: dichter, kürzerer Flor, glattere Oberfläche. Sie trägt weniger auf, lässt sich besser unter einer Schale tragen und hält etwas mehr Wind ab — weil ein dichter Flor der durchströmenden Luft mehr Widerstand bietet als ein lockerer. Als Fleeceweste unter der Jacke ist sie deshalb die unauffälligere Wahl.

Was der lange Flor leistet
Fleece dämmt nicht durch sein Material, sondern durch die Luft, die es festhält. Je länger und lockerer der Flor, desto mehr Luft steht — und desto weniger Material braucht es für dieselbe Wärme.

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Die Luft zwischen den Fasern dämmt
Nicht die Faser hält die Wärme, sondern die stehende Luft in ihren Zwischenräumen. Ein langer Flor schließt mehr davon ein als ein kurzer.
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Die Grundbahn hält alles zusammen
Sie ist dünn und dicht und trägt den Flor. Ihre Festigkeit bestimmt, wie lange das Gewebe hält — der Flor selbst trägt dazu nichts bei.
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Offene Oberfläche, kein Windschutz
Die Lufträume, die wärmen, stehen nach außen offen. Wind bläst sie in Sekunden leer — deshalb braucht Hochflorfleece im Freien fast immer eine Lage darüber.
Das Flächengewicht ist dabei die ehrlichere Zahl als die Florhöhe: Zwei Stoffe mit gleich langem Flor können verschieden dicht sein, und dann dämmt der schwerere mehr. Wer vergleichen will, vergleicht Gramm je Quadratmeter — nicht Millimeter.

Thermal Pro, Fleece-Serie oder Alpha — was wann
Innerhalb des Polartec-Programms steht Thermal Pro zwischen der klassischen Fleece-Serie und den Aktivisolationen. Die Fleece-Serie ist die einfachere, günstigere Reihe mit den bekannten Gewichtsstufen Micro, 100, 200 und 300; Thermal Pro ist die Linie, in der die aufwendigeren Strickbilder stecken. Funktional überschneiden sich beide erheblich.
Deutlicher ist der Unterschied zu Polartec Alpha, der Aktivisolation des Hauses. Alpha ist keine Maschenware mit Flor, sondern ein offenes Vlies, das zwischen zwei Lagen gefasst wird; es ist auf Luftdurchlässigkeit hin gebaut und soll bei wechselnder Belastung getragen werden. Thermal Pro ist dagegen ein Oberflächenmaterial — es kann allein getragen werden, Alpha in der Regel nicht.
Und gegenüber einer Daunenjacke derselben Wärmeleistung ist jedes Fleece schwerer und sperriger. Was es gewinnt, ist Robustheit und das Verhalten bei Nässe: Ein nasses Fleece lässt sich auswringen und wärmt sofort wieder; eine nasse Daunenjacke ist dagegen bis zum Trocknen nutzlos.
Wind und Verfilzen: wo Thermal Pro altert
Die auffälligste Grenze ist der Wind. Ein hochfloriger Thermal-Pro-Stoff ohne Schale darüber verliert bei Zugluft binnen Minuten den größten Teil seiner Wirkung, weil die durchströmende Luft genau das Polster davonträgt, das wärmt. Das ist kein Konstruktionsfehler, sondern die Kehrseite der Luftigkeit — und der Grund, warum Polartec für den gleichen Zweck eigene Stoffe mit eingelaminierter Membran führt, etwa Windbloc.
Die zweite Grenze ist die Oberfläche. Hochfloriges Fleece verfilzt unter Rucksackträgern und Klettergurten schneller als dichter Velours, und was einmal verfilzt ist, hält weniger Luft. Die Jacke sieht dann noch gut aus und wärmt messbar weniger — eine Alterung, die sich nicht an einer Naht oder einem Loch festmachen lässt.
Bei der Pflege gelten die üblichen Fleece-Regeln, und eine davon ist wichtiger als alle anderen: kein Weichspüler. Er legt sich als Film auf die Fasern, verklebt den Flor und nimmt dem Stoff genau das Luftvolumen, von dem die Wärme kommt. Dazu niedrige Temperatur, mildes Mittel, auf links gewendet, nicht in den Trockner. Jeder Trocknergang beschleunigt das Verfilzen und die Faserabgabe. Die allgemeinen Regeln dazu stehen im Ratgeber zur Pflege von Outdoorbekleidung.
Zwei Fragen, die vor dem Kauf alles entscheiden
Weil der Name offen lässt, worum es sich handelt, hilft nur das Anfassen und die Zahl. Zwei Fragen genügen: Wie hoch steht der Flor, und wie viel wiegt der Quadratmeter? Die erste lässt sich im Laden beantworten, indem man den Stoff gegen das Licht hält und zusammendrückt — je mehr er einfedert, desto wärmer ist er. Die zweite steht leider selten im Datenblatt; wo sie steht, ist sie die zuverlässigste Vergleichsgröße überhaupt.
Dazu kommt die Frage, wie das Stück getragen werden soll. Eine hochflorige Winterjacke für den Stand und die Pause ist etwas anderes als ein dichter Velours für unter die Schale. Wer beides von einem Stück erwartet, bekommt keines von beidem richtig.
Wie Thermal Pro aus dem Gewichtsschema ausbrach
Thermal Pro entstand, als Polartec seine Fleecestoffe in den späten neunziger Jahren vom reinen Gewichtsschema löste. Bis dahin unterschieden sich Fleecestoffe im Wesentlichen durch ihre Dicke; die Zahlen 100, 200 und 300 reichten aus, um das Angebot zu beschreiben. Mit feineren Strickmaschinen wurde es möglich, Flor und Grundgestrick gezielt zu gestalten — hohe und niedrige Zonen in einem Stoff, verschiedene Garne in einer Fläche, Strukturen, die früher nur als Muster denkbar waren.
Genau diese Freiheit ist es, die der Name beschreibt: Thermal Pro ist die Linie, in der Polartec das macht, was mit drei Gewichtsstufen nicht mehr darstellbar war. Das erklärt zugleich, warum es keine Thermal-Pro-Zahl gibt und auch keine geben kann — die Reihe ist bewusst nicht als Reihe angelegt, sondern als offener Baukasten für die verarbeitenden Marken.

