Hypothermie: Unterkühlung des Körperkerns unter 35 °C
Physik & Klima Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
Von Hypothermie spricht man, wenn die Körperkerntemperatur unter 35 °C fällt. Der Begriff meint die Temperatur im Inneren — Herz, Gehirn, große Gefäße —, nicht die der Haut. Hände und Füße können längst kalt sein, während der Kern noch normal temperiert ist; genau deshalb ist das Kältegefühl ein schlechter Anhaltspunkt.
Draußen entsteht Unterkühlung selten durch extreme Kälte allein. Die gefährliche Mischung ist Nässe, Wind und eine ausfallende Wärmeproduktion: nasse Kleidung leitet rund 23-mal besser als trockene Luftpolster, Wind trägt die dämmende Luftschicht ab, und wer erschöpft oder verletzt liegen bleibt, erzeugt kaum noch Wärme. Vier bis acht Grad Lufttemperatur genügen dann.
Was 2021 geändert wurde — und warum
Jahrzehntelang galt das Schweizer Stadienschema, das vier Stufen über geschätzte Kerntemperaturen definierte: Stufe 1 unter 35 bis 32 °C, Stufe 2 unter 32 bis 28 °C, Stufe 3 unter 28 bis 24 °C, Stufe 4 darunter. An den Stufen hing jeweils ein klinisches Bild, und das bekannteste Merkmal war das Zittern: Wer zittert, ist in Stufe 1; wer aufhört zu zittern, rutscht in Stufe 2.
Die Internationale Kommission für Alpine Notfallmedizin (ICAR MedCom) hat dieses Schema 2021 revidiert. Der Grund steht im Wortlaut in der Empfehlung: Studien haben gezeigt, dass die Schätzung der Kerntemperatur im Gelände unpräzise ist. Eine Auswertung veröffentlichter Fallberichte fand erhebliche Überlappungen zwischen den Stufen — und zahlreiche Fälle, in denen das Schema die Kerntemperatur überschätzte, den Zustand also für harmloser hielt, als er war.
Das revidierte System stuft deshalb nach dem Risiko eines Kreislaufstillstands statt nach der Temperatur. Beurteilt wird die Ansprechbarkeit nach der AVPU-Skala — wach, auf Ansprache, auf Schmerzreiz, bewusstlos — zusammen mit den Vitalzeichen. Und: Das Zittern wurde als stadiendefinierendes Zeichen ausdrücklich gestrichen.

Vier Wege, auf denen Wärme verlorengeht
Wärme verlässt den Körper auf vier physikalisch verschiedenen Wegen — und sie tun es gleichzeitig. Welcher überwiegt, hängt von der Lage ab, und dagegen hilft jeweils etwas anderes. Deshalb lässt sich nicht pauschal sagen, was eine kalte Nacht wärmer macht.

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Konduktion — nach unten in den Boden
Wo der Körper aufliegt, ist die Füllung zusammengedrückt und leitet. Der Boden ist der größte Wärmeabnehmer der Nacht. Dagegen hilft nur die Matte — der R-Wert, nicht der Schlafsack.
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Konvektion — seitlich mit der Luft
Warme Luft strömt aus jeder Öffnung ab und kalte nach. Deshalb wirken Wärmekragen und Kapuzenzug: Sie schließen die Stelle, an der die Strömung entsteht.
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Strahlung — nach oben in den Himmel
Jeder Körper strahlt Wärme ab, auch durch die Luft hindurch. Unter klarem Nachthimmel ist das messbar — ein Tarp oder Zeltdach darüber bricht diesen Weg, ohne zu dämmen.
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Verdunstung — mit der Feuchte
Jedes Gramm Wasser, das verdunstet, nimmt Wärme mit. Deshalb kühlt feuchte Kleidung aus und deshalb ist trockene Wäsche fürs Schlafen wichtiger als eine dickere Jacke.
Daraus folgt die Reihenfolge beim Nachrüsten: erst die Matte, dann die Abdichtung nach oben, dann trockene Wäsche — und erst danach ein wärmerer Schlafsack. Wer bei Bodenkälte einen dickeren Sack kauft, bekämpft den falschen der vier Wege.

Was das für die Ausrüstung bedeutet
Die drei Hebel, die eine Unterkühlung aufhalten, folgen direkt aus der Physik der Wärmeübertragung. Nasse Lagen gegen trockene tauschen, weil Wasser in der Isolation deren Wirkung zusammenbrechen lässt und beim Verdunsten zusätzlich kühlt (Verdunstungskälte). Winddicht abschließen, weil der Wind das dämmende Luftpolster abträgt (Konvektion). Und vom Boden isolieren, weil im Liegen die Wärmeleitung nach unten der größte Einzelposten wird — eine Isomatte ist hier kein Komfortartikel.
Der Windchill beschreibt, warum sich dieselbe Lufttemperatur bei Wind gefährlicher verhält. Er ist eine gefühlte Temperatur und keine medizinische Größe — für die Einschätzung der Lage taugt er als Warnhinweis, nicht als Messwert.
Abgrenzung: Hypothermie und Erfrierung
Hypothermie betrifft den ganzen Körper und seinen Kern; Erfrierung ist eine örtliche Gewebeschädigung durch Gefrieren, meist an Fingern, Zehen, Nase und Ohren. Beides kann zusammen auftreten, aber das eine folgt nicht aus dem anderen: Man kann erfrorene Finger ohne Unterkühlung haben und umgekehrt.
Diese Seite erklärt den Begriff und den Stand der Einstufung. Sie ersetzt keine Erste-Hilfe-Anleitung und keine ärztliche Beurteilung — bei Verdacht auf Unterkühlung gilt der Notruf, nicht das Nachschlagen.

