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Verdunstungskälte: der stärkste Kühlweg des Körpers

Physik & Klima Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026

Verdunstungskälte entsteht, weil Wasser zum Übergang in den gasförmigen Zustand Energie braucht. Es nimmt sie aus seiner Umgebung — aus der Haut, aus der Kleidung, aus der Luft dicht darüber. Was zurückbleibt, ist kälter als vorher, ohne dass Wärme irgendwohin geflossen wäre: Sie steckt im Wasserdampf.

Für den Körper ist das der stärkste Kühlweg und der einzige, der auch dann noch arbeitet, wenn die Umgebung wärmer ist als die Haut. Konduktion, Konvektion und Strahlung kehren sich dann um; die Verdunstung nicht.

2.418 J/gVerdampfungsenthalpie bei 35 °C Hauttemperatur
537 WKühlleistung aus 800 g Schweiß in einer Stunde
940 Wdieselbe Rechnung für 1.400 g
≈ 100 WWärmeleistung eines Menschen in Ruhe

Die Rechnung: wie viel Kälte Schweiß entzieht

Verdampfungsenthalpie, temperaturabhängig:
lv = 2,501 · 10⁶ − 2.370 · T        [J/kg], T in °C
bei 35 °C:  lv = 2.418 J/g
Entzogene Energie:
Q = m · lv                          [J]
P = Q / t                           [W]
100 g in einer Stunde →   242 kJ →  67 W
500 g in einer Stunde → 1.209 kJ → 336 W
800 g in einer Stunde → 1.934 kJ → 537 W
1.400 g in einer Stunde → 3.385 kJ → 940 W

Die gemessene Schwitzrate beim Wandern unter Last liegt bei 0,8 Litern je Stunde unter moderaten und 1,4 Litern unter heißen Bedingungen. Verdunstet dieser Schweiß vollständig, entspricht das 537 beziehungsweise 940 Watt Kühlleistung — ein Vielfaches des Ruheumsatzes von rund 100 Watt. Genau so soll es sein: Bei Anstrengung muss der Körper die Wärme loswerden, die seine Muskeln erzeugen.

Warum nasse Kleidung im Kalten gefährlich ist

Genau diese Verzögerung macht aus dem Kühlweg ein Risiko. Wer bergauf schwitzt, lädt Wasser in die Kleidung. Am Grat endet die Anstrengung, die Wärmeproduktion fällt auf einen Bruchteil — und das Wasser verdunstet weiter, jetzt gegen einen Körper, der nichts mehr nachliefert. Dazu kommt der zweite Effekt: Wasser in der Isolation leitet rund 23-mal besser als ruhende Luft, die Dämmung bricht also zur selben Zeit ein, in der die Kühlung weiterläuft.

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Vier Wege, auf denen Wärme verlorengeht

Wärme verlässt den Körper auf vier physikalisch verschiedenen Wegen — und sie tun es gleichzeitig. Welcher überwiegt, hängt von der Lage ab, und dagegen hilft jeweils etwas anderes. Deshalb lässt sich nicht pauschal sagen, was eine kalte Nacht wärmer macht.

Längsschnitt durch einen schlafenden Menschen im Schlafsack auf einer Isomatte: unten der kalte Erdboden, darüber die Matte, darauf der Schlafsack mit Daunenfüllung und der liegenden Silhouette darin, oben der Nachthimmel.
  1. Konduktion — nach unten in den Boden

    Wo der Körper aufliegt, ist die Füllung zusammengedrückt und leitet. Der Boden ist der größte Wärmeabnehmer der Nacht. Dagegen hilft nur die Matte — der R-Wert, nicht der Schlafsack.

  2. Konvektion — seitlich mit der Luft

    Warme Luft strömt aus jeder Öffnung ab und kalte nach. Deshalb wirken Wärmekragen und Kapuzenzug: Sie schließen die Stelle, an der die Strömung entsteht.

  3. Strahlung — nach oben in den Himmel

    Jeder Körper strahlt Wärme ab, auch durch die Luft hindurch. Unter klarem Nachthimmel ist das messbar — ein Tarp oder Zeltdach darüber bricht diesen Weg, ohne zu dämmen.

  4. Verdunstung — mit der Feuchte

    Jedes Gramm Wasser, das verdunstet, nimmt Wärme mit. Deshalb kühlt feuchte Kleidung aus und deshalb ist trockene Wäsche fürs Schlafen wichtiger als eine dickere Jacke.

Daraus folgt die Reihenfolge beim Nachrüsten: erst die Matte, dann die Abdichtung nach oben, dann trockene Wäsche — und erst danach ein wärmerer Schlafsack. Wer bei Bodenkälte einen dickeren Sack kauft, bekämpft den falschen der vier Wege.

Mit KI-Unterstützung erstellt Schematische, nicht maßstabsgetreue Darstellung.

Das ist der physikalische Kern hinter der Regel, Baumwolle in der ersten Lage zu meiden. Baumwolle nimmt viel Wasser auf und gibt es langsam ab; sie hält beides fest — die Feuchtigkeit und die Kühlung. Merinowolle und Kunstfasern verhalten sich anders, weil sie weniger Wasser im Faserinneren binden.

Praktisch folgt daraus die Reihenfolge am Pausenplatz: zuerst die nasse Lage wechseln oder eine trockene darüberziehen, dann die Isolationsjacke — nicht umgekehrt.

Abgrenzung: Verdunstung, Kondensation, Atmungsaktivität

Verdunstungskälte und Kondenswasser sind dieselbe Energie in entgegengesetzter Richtung: Was beim Verdunsten gebunden wird, wird beim Kondensieren wieder frei — innen an der kalten Außenlage einer Jacke. Und Atmungsaktivität beschreibt, wie gut der entstandene Dampf nach außen gelangt, nicht wie viel Kälte er beim Entstehen erzeugt hat.

Ebenfalls zu trennen: Verdunstung ist kein Sieden. Sie findet an der Oberfläche statt, bei jeder Temperatur, und ihre Geschwindigkeit hängt an der Dampfdruckdifferenz zur Umgebung — bei hoher Luftfeuchte verdunstet wenig, und dann versagt der Kühlweg, obwohl der Schweiß fließt.

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