Zum Inhalt springen

Kondenswasser in der Jacke: Schwitzwasser statt undichter Membran

Physik & Klima Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026

Kondenswasser in der Jacke ist Feuchte aus dem Körper, die an der Innenseite der wasserdichten Lage flüssig wird. Die Bedingung dafür nennt der Taupunkt: Kühlt eine Fläche unter die Temperatur, bei der die Luft an ihr gesättigt wäre, fällt der überschüssige Dampf aus. Die Außenlage einer Regenjacke ist im Regen genau so eine Fläche.

Der Befund „innen nass" ist deshalb die häufigste Frage an eine Regenjacke — und fast nie ein Defektbefund. Wer ihn beurteilen will, muss zwei Mengen gegeneinander rechnen: wie viel Dampf anfällt und wie viel die Lage durchlässt.

412 g/(m²·h)Schweiß beim Wandern unter moderaten Bedingungen
721 g/(m²·h)Schweiß bei Hitze
662 g/(m²·h)Obergrenze des Durchlasses bei Ret 10
265 g/(m²·h)dasselbe bei Ret 25 — Klasse 3 nach EN 343

Die Rechnung, die die Frage beantwortet

Der RET-Wert nach ISO 11092 ist als Quotient definiert: Dampfdruckdifferenz zwischen beiden Seiten einer Probe, geteilt durch den Verdunstungswärmestrom, der dabei hindurchgeht. Nach dem Wärmestrom aufgelöst wird daraus eine Durchlassmenge — und über die Verdampfungsenthalpie des Wassers eine Masse je Fläche und Zeit.

Verdunstungswärmestrom durch die Lage (ISO 11092, nach q aufgelöst):
q = Δp / Ret                      [W/m²]
Massenstrom über die Verdampfungsenthalpie:
m = q / lv                        [g/(m²·s)]
lv = 2,501·10⁶ − 2.370 · T        [J/kg], bei 35 °C also 2.418 J/g
Haut gesättigt bei 35 °C:         56,13 hPa   (WMO-No. 8, Formel 4.B.1)
Luft 20 °C bei 50 % Feuchte:      11,66 hPa
Δp = 56,13 − 11,66 = 44,47 hPa  = 4.447 Pa
Ret 10:  q = 445 W/m²  →  m = 0,184 g/(m²·s)  =  662 g/(m²·h)
Ret 15:  q = 296 W/m²  →  m = 0,123 g/(m²·s)  =  441 g/(m²·h)
Ret 25:  q = 178 W/m²  →  m = 0,074 g/(m²·s)  =  265 g/(m²·h)

Dagegen steht die Schweißmenge. Eine Feldstudie mit Wanderern unter Last hat 0,8 ± 0,3 Liter je Stunde unter moderaten und 1,4 ± 0,5 Liter je Stunde unter heißen Bedingungen gemessen. Auf die Körperoberfläche umgerechnet — nach DuBois für 180 Zentimeter und 75 Kilogramm sind das 1,94 Quadratmeter — ergibt das 412 beziehungsweise 721 Gramm je Quadratmeter und Stunde.

Damit steht das Ergebnis: Eine sehr gute Membran mit Ret 10 deckt den moderaten Fall, bei Anstrengung in der Wärme reicht sie nicht. Eine Jacke der Klasse 3 nach EN 343 — Ret zwischen 15 und 25 — liegt schon im moderaten Fall darunter. Der Überschuss bleibt in der Jacke und schlägt sich dort nieder, wo es am kältesten ist.

Infografik
Outdoor Beratung und Ratgeber
Kondensation

Warum Membranen bei Kälte nicht zu atmen scheinen

Der Antrieb für den Dampftransport ist die Differenz der Wasserdampf-Partialdrücke — und die ist bei Kälte nicht kleiner, sondern größer: innen 56,1 hPa an gesättigter Haut von 35 °C, außen 3,8 hPa bei −5 °C und 90 % Feuchte. Was sich ändert, ist die Temperatur im Schichtpaket.

Außenlage über dem Taupunkt

Der Dampf zieht durch

Querschnitt durch ein Jackenpaket: Auf der Haut liegt eine lockere, trockene Isolationsschicht, darüber die wasserdichte Außenlage. An ihrer Unterseite ist kein Wasser zu sehen. Außenlage Isolation Haut

Die Isolation bleibt locker und trocken. Der Wasserdampf wandert durch die Außenlage nach draußen, weil deren Innenseite wärmer ist als der Taupunkt der Luft darunter.

Tritt auf bei
Milde Bedingungen, mäßige Anstrengung, gute Belüftung

Außenlage unter dem Taupunkt

Der Dampf fällt als Wasser aus

Derselbe Querschnitt bei Kälte: An der Unterseite der Außenlage hängen Kondenstropfen, die Isolationsschicht darunter ist feucht zusammengefallen und dämmt schlechter. Außenlage Kondensat Isolation Haut

An der Innenseite der kalten Außenlage schlägt sich Wasser nieder, bei Frost als Reif. Die Isolation darunter fällt zusammen und dämmt schlechter — die Membran ist unverändert durchlässig.

Tritt auf bei
Kälte, hohe Schwitzrate, geschlossene Jacke

Der Taupunkt ist eine Eigenschaft der Luft, nicht des Materials, an dem das Wasser ausfällt: Bei 20 °C und 50 % relativer Feuchte liegt er bei 9,3 °C, bei 80 % schon bei 16,4 °C. Wer bei Kälte trocken bleiben will, muss deshalb weniger Dampf erzeugen oder ihn früher abführen — eine durchlässigere Membran hilft hier nicht.

Mit KI-Unterstützung erstellt Schematische, nicht maßstabsgetreue Darstellung.

Woran man Kondens von eindringendem Regen unterscheidet

Beides fühlt sich gleich an, hat aber verschiedene Muster. Kondensat sitzt flächig an der Innenseite der Außenlage, am stärksten an den kältesten und am wenigsten belüfteten Stellen: Schultern unter den Trägern, Rücken unter dem Rucksack, Unterarme. Eingedrungenes Wasser kommt örtlich und von einer Schwachstelle — einer undichten Naht, einem Reißverschluss ohne Abdeckung, einem Scheuerschaden.

Ein zweites Zeichen ist die Reihenfolge. Kondensat entsteht mit der Anstrengung und verschwindet in der Pause; Eintritt wächst mit der Dauer der Beregnung. Und ein drittes: Wenn die Außenseite nicht mehr abperlt, sondern sich vollsaugt, kühlt sie stärker ab und es fällt mehr Kondensat an — eine müde DWR-Ausrüstung sieht deshalb wie eine undichte Membran aus, ohne eine zu sein.

Wie trennt man es sicher? Nicht am Tragegefühl, sondern am Prüfaufbau. Die Prüfung des fertigen Kleidungsstücks nach ISO 24231 beregnet eine Puppe in saugfähiger Unterwäsche und sucht danach die nassen Stellen. Damit das Ergebnis Regeneintritt zeigt und nicht Kondensat, schreibt die Norm vor, die Wassertemperatur der Raumluft anzugleichen — ausdrücklich, um Kondensation im Kleidungsstück zu verhindern. Selbst die Norm muss die beiden Vorgänge also erst auseinanderhalten, bevor sie den einen messen kann.

Abgrenzung: wo der Begriff aufhört

Kondenswasser ist eine Folge, keine Eigenschaft des Stoffes. Was der Stoff kann, steht als Atmungsaktivität im Datenblatt und wird isotherm gemessen — in diesem Aufbau kann gar kein Tauwasser anfallen. Die Bedingung, unter der es anfällt, nennt der Taupunkt. Diese Seite behandelt das Ergebnis und seine Menge.

Gegen Kondensat hilft deshalb nichts, was die Membran betrifft, sondern nur weniger Dampf oder mehr Abfuhr: langsamer gehen, Schichten ausziehen, Unterarmbelüftung öffnen, den Frontreißverschluss nutzen. Das ist keine Notlösung — es ist die einzige Stelle, an der die Rechnung oben bewegt werden kann.

Inhalt

Gefällt dir, was du hier liest?

Teilen-Bild zu Kondenswasser in der Jacke: Schweiß statt Defekt

Gefällt dir, was du hier liest?

Wir stecken viel Arbeit in outdoorberater.de — gemessene Angaben statt Werbesprüche, keine Bezahlschranke, keine Werbeflut. Wenn dir das hilft, ist Weiterempfehlen die schönste Art, Danke zu sagen. Jedes Teilen hilft anderen, uns zu finden, und hält das Projekt am Leben.

Zurück zum Seitenanfang