Mikron: Faserdurchmesser und Qualitätsmaß für Merinowolle
Fasern & Garne Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
Mikron ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den Mikrometer — ein Tausendstel Millimeter — und steht bei Wolle für den mittleren Durchmesser der Einzelfaser. Bei Merinowolle ist diese Zahl der aussagekräftigste Qualitätsmaßstab, den es gibt.
Der Grund ist mechanisch. Eine dickere Faser ist steifer und gibt nach, wenn sie auf die Haut drückt, weniger leicht nach — sie reizt die Druckrezeptoren, und das nehmen wir als Kratzen wahr. Je feiner die Faser, desto eher biegt sie sich weg, statt zu piksen. Deshalb entscheidet der Mikronwert über die Trageeigenschaft, die beim Baselayer am meisten zählt.
Wie der Mikronwert gemessen wird
Die International Wool Textile Organisation führt die maßgeblichen Prüfvorschriften. Für den Faserdurchmesser ist das IWTO-12; gemessen wird mit optischen Verfahren, üblich sind OFDA (optical fibre diameter analyser) und Laserscan. Daneben stehen IWTO-17 für die Stapellänge und IWTO-30 für die Festigkeit — erst zusammen beschreiben sie eine Wollpartie.
Wichtig ist, dass der genannte Wert ein Mittelwert ist. Eine Partie mit 18,5 µm Durchschnitt enthält auch gröbere Fasern, und wie stark die Werte streuen, steht in derselben Prüfung als Variationskoeffizient. Zwei Partien mit gleichem Mittel können sich deshalb unterschiedlich anfühlen — die mit den wenigen groben Ausreißern kratzt eher.

Was die Faser leistet und warum
Merinowolle stammt vom Merinoschaf, dessen Vlies deutlich feinere Fasern trägt als das gewöhnlicher Rassen. Drei Eigenschaften machen sie für Outdoorbekleidung interessant — und alle drei lassen sich an der einzelnen Faser erklären.

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Fein genug, um nicht zu kratzen
Kratzen entsteht, wenn eine Faser steif genug ist, die Haut einzudrücken statt sich zu biegen. Merinofasern sind dünn genug, um nachzugeben — deshalb ist die Feinheit und nicht die Tierart entscheidend.
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Die Schuppen binden Feuchtigkeit
Wolle nimmt Wasserdampf ins Faserinnere auf, ohne sich nass anzufühlen. Dabei wird Wärme frei. Das ist der Grund, warum sie im Feuchten nicht sofort auskühlt.
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Die Kräuselung hält Luft
Die natürliche Welle sorgt dafür, dass die Fasern einander nicht flach anliegen. Dazwischen bleibt Luft stehen — und Luft ist der eigentliche Dämmstoff.
Der Geruch bleibt aus einem anderen Grund aus: Geruchsbildende Bakterien finden auf Wolle schlechtere Bedingungen als auf glatten Kunstfasern, und ein Teil der Abbauprodukte wird in der Faser gebunden. Eine antimikrobielle Ausrüstung braucht es dafür nicht.

Die S-Nummer und die Klassennamen
Im Handel begegnet neben der Mikronangabe die S-Nummer, geschrieben als 80s, 100s, 120s. Sie ist über den maximalen Faserdurchmesser definiert: 80s steht für höchstens 19,75 µm, 90s für höchstens 19,25 µm, und je zehn Stufen sinkt der zulässige Höchstwert um 0,5 µm.
Was der Wert für den Kauf bedeutet
Für hautnah getragene Kleidung ist der Mikronwert die entscheidende Angabe — feinere Wolle kratzt weniger, ist aber auch teurer und empfindlicher, weil die dünnere Faser schneller durchscheuert. Für Socken und Außenlagen ist gröbere Wolle deshalb nicht die schlechtere Wahl, sondern die passendere.
Was der Wert nicht sagt: nichts über die Herkunft und nichts über die Haltung der Tiere — dafür steht die Frage nach Mulesing und den Zertifizierungen. Nichts über die Garnkonstruktion, die über die Haltbarkeit mitentscheidet (siehe Corespun und NuYarn). Und nichts über das Flächengewicht: Ein feines, dünnes Shirt und ein feiner, dicker Pullover können denselben Mikronwert tragen.

