Zum Inhalt springen

eVent (Direct Venting) Funktionsmaterial

Membranen & Laminate Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026

eVent ist der bekannteste Gegenentwurf zur klassischen wasserdichten Membran — und der Unterschied lässt sich in einem Satz sagen: Durch eVent geht Luft hindurch. Durch GORE-TEX nicht.

Das klingt nach einem Widerspruch zur Wasserdichtigkeit und ist keiner. Flüssiges Wasser kommt durch eine Pore nur unter Druck; Luft kommt bei jedem Druckunterschied durch, auch bei einem winzigen. Eine Membran kann deshalb beides sein, und genau das ist die Idee hinter dem Verfahren, das der Hersteller Direct Venting nennt.

1999Markteinführung der Technik
luftdurchlässigder Unterschied zu fast allen Mitbewerbern
ePTFEdasselbe Grundmaterial wie beim Marktführer
3gängige DV-Ausführungen im Bekleidungsbereich

Welches Problem eVent mit Direct Venting löst

Eine mikroporöse Membran aus ePTFE hat ein bekanntes Problem: Ihre Poren verstopfen. Hautfett, Waschmittelrückstände, Sonnencreme und Salze setzen sich hinein, und weil PTFE zwar wasserabweisend, aber nicht ölabweisend ist, bleiben Fette dort hängen. Eine verstopfte Pore lässt nichts mehr durch — weder Luft noch Dampf.

Die übliche Lösung ist eine dünne, geschlossene Polyurethanschicht auf der Membran. Sie deckt die Poren ab und hält den Schmutz fern. Der Preis dafür ist grundsätzlich: Eine geschlossene Schicht ist nicht mehr luftdurchlässig, und der Wasserdampf muss nun durch das Polyurethan hindurchwandern, statt einfach durch ein Loch zu diffundieren. Praktisch alle wasserdichten Hardshells am Markt sind aus diesem Grund luftdicht.

eVent geht den anderen Weg: Statt die Poren abzudecken, bekommt jede einzelne Fibrille der Membran eine ölabweisende Beschichtung. Der Schmutz findet keinen Halt, die Poren bleiben offen — und mit ihnen der Weg für Luft.

Infografik
Outdoor Beratung und Ratgeber
Membran

Wenn Luft durch die Membran geht

Eine wasserdichte Membran muss nicht luftdicht sein. Entscheidend ist, ob die Poren durchgehende Kanäle bilden oder blind enden.

Stark vergrößerte Membranfolie mit kreisrunder Nachvergrößerung: ein Gewirr feiner Faserstränge, zwischen denen offene Kanäle vollständig durch die Folie hindurchführen.
  1. Das Fasergewirr

    Die Membran ist keine glatte Folie, sondern ein Geflecht aus sehr feinen Strängen. Die Zwischenräume dazwischen sind die Poren.

  2. Durchgehende Kanäle

    Hier geht der Blick durch die Folie hindurch. Solche durchgehenden Wege lassen nicht nur Wasserdampf passieren, sondern auch Luft.

  3. Gewunden, nicht gerade

    Die Kanäle verzweigen sich und laufen verschlungen. Der Weg ist viel länger als die Foliendicke — flüssiges Wasser kommt gegen diesen Widerstand nicht durch.

  4. Die Dicke

    An der aufgestellten Schnittkante sieht man, wie dünn die Lage tatsächlich ist. Sie trägt sich nicht selbst und braucht immer einen Oberstoff.

Luftdurchlässigkeit ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Bauweise mit zwei Seiten: Feuchte Luft kann unter Belastung sofort entweichen, kalter Wind aber auch eindringen. Für hohe Dauerleistung ist das ein Vorteil, im Stillstand bei Wind ein Nachteil.

Mit KI-Unterstützung erstellt Schematische, nicht maßstabsgetreue Darstellung.

Was Luftdurchlässigkeit im Gebrauch ändert

Der Unterschied ist am deutlichsten bei hoher Leistung und bei schwülem Wetter, und er hat einen klaren physikalischen Grund.

Eine luftdichte Membran arbeitet ausschließlich über Diffusion: Dampf wandert entlang eines Dampfdruckgefälles. Steht dieses Gefälle still — etwa bei 22 Grad und 90 Prozent Luftfeuchte —, hört der Transport praktisch auf, ganz gleich, wie gut die Membran ist. Eine luftdurchlässige Membran kann zusätzlich Konvektion nutzen: Bewegte Luft nimmt Feuchtigkeit als Luftstrom mit, und dafür genügt schon der Pumpeffekt, den jeder Schritt in der Kleidung erzeugt.

Spürbar ist das als Ausbleiben des klammen Gefühls auf der Innenseite. Es ist kein kleiner Unterschied, und wer einmal in beidem bergauf gegangen ist, erkennt ihn ohne Messgerät.

DVexpedition, DVstorm, DVL: welche Ausführung wofür

Im Bekleidungsbereich sind drei Varianten verbreitet. Sie unterscheiden sich nicht im Prinzip, sondern in der Auslegung zwischen Dichtheit, Durchsatz und Robustheit.

AusführungWassersäuleHerstellerangabe DurchsatzGedacht für
DVexpedition30.000 mm10.000 g/m²die robusteste Variante, Ski und Expedition
DVstorm10.000 mm30.000 g/m²10-Denier-Futter, hoher Durchsatz
DVL (Direct Venting Lite)aufgedruckter Schutz statt Futtergewebeleichte Regenbekleidung

Die Tabelle zeigt, dass sich die beiden Zahlen gegenläufig verhalten: Die dichtere Variante führt weniger ab, die durchlässigere hält weniger Druck aus. Das ist kein Herstellerversäumnis, sondern der Zielkonflikt jeder Membran.

DVL entspricht dabei der Bauweise, die andernorts 2,5-lagig heißt: Ein Schutzauftrag wird direkt auf die Membran gedruckt und ersetzt das Innenfutter. Das spart Gewicht und Packmaß und kostet Griff und Lebensdauer — typisch für die leichte Regenjacke, nicht für die Tourenjacke.

Was die Zahlen taugen — und was nicht

Die Wassersäule ist nach ISO 811 genormt und damit zwischen Herstellern vergleichbar. 10.000 Millimeter gelten in Europa als solide, 30.000 als sehr hoch; oberhalb von etwa 20.000 ist der Mehrwert für Bekleidung praktisch null, weil solche Drücke am Körper nicht entstehen — relevant wird es erst unter Rucksackgurten und beim Sitzen auf nassem Untergrund.

Die Durchsatzangaben in Gramm je Quadratmeter und Tag sind dagegen mit Vorsicht zu lesen. Ein MVTR-Wert ohne genanntes Prüfverfahren sagt fast nichts: Dieselbe Membran erreicht je nach Methode Werte, die um den Faktor zehn auseinanderliegen. Vergleichbar sind solche Zahlen nur innerhalb eines Herstellers und nur dann, wenn er überall dasselbe Verfahren verwendet.

Belastbarer wäre der RET-Wert nach ISO 11092 oder, für die Luftdurchlässigkeit, eine Angabe in cfm nach ISO 9237. Beides veröffentlicht der Hersteller für diese Membranen nicht.

eVent, GORE-TEX oder NeoShell — wonach man entscheidet

Gegenüber GORE-TEX ist der Unterschied genau der beschriebene: dasselbe Grundmaterial, andere Lösung des Verschmutzungsproblems, daraus folgend Luftdurchlässigkeit gegen vollständige Winddichtigkeit. Gore setzt im Gegenzug auf ein Prüfregime am fertigen Kleidungsstück und eine Garantie über die Produktlebensdauer — ein Unterschied, der nicht das Material betrifft, aber den Kauf.

Gegenüber Polartec NeoShell ist die Verwandtschaft größer: Auch NeoShell ist bewusst luftdurchlässig und zielt auf dieselbe Nutzergruppe. Die Membranen sind technisch verschieden, die Auslegungsentscheidung ist dieselbe.

Wer zwischen den dreien wählt, sollte deshalb nicht nach der Marke entscheiden, sondern nach der eigenen Nutzung: Dauerleistung bei mäßigem Wind spricht für die luftdurchlässigen, Wind und wenig Bewegung für die dichten. Welche Bauart in eine Hardshelljacke gehört, entscheidet damit das Tempo und nicht der Preis.

Warum die Technik trotzdem Nische blieb

Die naheliegende Frage lautet: Wenn Luftdurchlässigkeit beim Aufstieg so deutlich besser ist, warum hat sich die Bauart dann nicht durchgesetzt? Dafür gibt es drei nüchterne Gründe, und keiner davon ist technischer Natur.

Der Markt kauft Zahlen. Eine Wassersäule lässt sich auf ein Etikett drucken und zwischen zwei Jacken vergleichen. „Fühlt sich beim Bergaufgehen besser an" lässt sich nicht beziffern, nicht normen und nicht im Laden vorführen. Materialien, deren Vorteil sich nur im Gebrauch zeigt, haben es im Handel systematisch schwerer.

Die Winddichtigkeit ist ein echtes Gegenargument. Für die Mehrheit der Käufer — Wandern, Stadt, Reise — ist eine Jacke, die bei Wind etwas mehr Wärme abgibt, tatsächlich die schlechtere Wahl. Die Zielgruppe für Direct Venting ist kleiner, als die Begeisterung in Fachforen vermuten lässt.

Und das Gesamtpaket entscheidet. Ein Konfektionär kauft nicht nur eine Membran, sondern ein Prüfregime, eine Garantie und eine Marke, die der Kunde kennt. Daran scheitert gute Technik häufiger als an ihren Messwerten.

Pflege: warum eVent sie weniger verzeiht als andere

Die ölabweisende Beschichtung ist der Kern der Technik — und sie ist, anders als eine Polyurethanschicht, dem Schmutz direkt ausgesetzt. Entsprechend wirkt sich mangelnde Pflege bei dieser Bauart unmittelbarer aus als bei einer abgedeckten Membran.

Regelmäßig waschen ist deshalb keine Option, sondern Voraussetzung: mit Spezialwaschmittel für Membrantextilien, ohne Weichspüler, ohne Vollwaschmittel; die Reihenfolge steht im Ratgeber Pflege. Danach Wärme, um die DWR-Ausrüstung des Oberstoffs wieder aufzurichten — denn auch hier gilt: Ein vollgesaugter Oberstoff blockiert jede Membran, ganz gleich wie offen sie ist.

Ein zweiter Punkt betrifft die Chemie. Ölabweisende Eigenschaften stammen klassisch aus der Fluorchemie, die in Europa unter Beschränkungsdruck steht — siehe C8-, C6- und C0-Chemie. Für den Käufer heißt das: Bei dieser Materialklasse lohnt die Frage nach der Zusammensetzung des aktuellen Modells besonders, weil hier mehr von der Beschichtung abhängt als anderswo.

Was an einer eVent-Jacke vor dem Kauf zu prüfen ist

Erstens die Ausführung: DVexpedition, DVstorm und DVL sind unterschiedliche Produkte mit unterschiedlichen Zahlen, und der Markenname allein sagt nichts. Zweitens die Lagenzahl — zwei, 2,5 oder drei Lagen entscheiden über Lebensdauer und Griff genauso stark wie die Membran. Drittens die Belüftung: Auch eine luftdurchlässige Jacke profitiert von Unterarmreißverschlüssen, weil das Material bei maximaler Anstrengung ebenfalls an seine Grenze kommt. Und viertens der eigene Einsatz — wer die Jacke überwiegend im Stehen und bei Wind trägt, kauft hier am Zweck vorbei.

Inhalt

Gefällt dir, was du hier liest?

Teilen-Bild zu eVent: die Membran, durch die Luft geht | Outdoorberater

Gefällt dir, was du hier liest?

Wir stecken viel Arbeit in outdoorberater.de — gemessene Angaben statt Werbesprüche, keine Bezahlschranke, keine Werbeflut. Wenn dir das hilft, ist Weiterempfehlen die schönste Art, Danke zu sagen. Jedes Teilen hilft anderen, uns zu finden, und hält das Projekt am Leben.

Zurück zum Seitenanfang