Polartec NeoShell Funktionsmaterial
Membranen & Laminate Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
NeoShell ist eine wasserdichte Membran von Polartec, die 2011 vorgestellt wurde und einen anderen Weg geht als die klassischen Hardshell-Membranen: Sie lässt Luft durch.
Das klingt nach einem Widerspruch zur Wasserdichtigkeit und ist keiner. Eine Pore kann klein genug sein, dass ein Wassertropfen nicht hindurchkommt, und groß genug, dass Luftmoleküle passieren — zwischen beiden Größen liegen mehrere Zehnerpotenzen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob das geht, sondern wie weit man die Pore öffnen darf, bevor der Wasserschutz leidet.
Diffusion und Strömung — zwei verschiedene Transportwege
Eine Membran aus gerecktem PTFE transportiert Wasserdampf durch Diffusion: Molekül für Molekül, angetrieben vom Unterschied im Wasserdampfdruck zwischen innen und außen. Das funktioniert zuverlässig, braucht aber Zeit und ein Gefälle. Ohne Unterschied in der Luftfeuchte wandert nichts.
NeoShell lässt zusätzlich Strömung zu. Schon ein geringer Luftaustausch beschleunigt den Abtransport von Feuchtigkeit erheblich, weil nicht einzelne Moleküle wandern müssen, sondern feuchte Luft als Ganzes ausgetauscht wird. Es ist derselbe Effekt, der eine geöffnete Unterarmbelüftung so wirksam macht — nur über die ganze Fläche verteilt und in sehr viel kleinerem Maßstab.
Entscheidend ist dabei, dass der Transport damit nicht mehr allein vom Dampfdruckgefälle abhängt. Eine porenlose Membran steht still, wenn innen und außen gleich feucht sind. Eine luftdurchlässige arbeitet weiter, solange sich der Träger bewegt und dabei Luft durch das Kleidungsstück pumpt — die sogenannte Blasebalgwirkung bei jedem Schritt und jeder Armbewegung.
0,5 cfm ≈ 2 Liter Luft je Quadratmeter und Sekunde
Wenn Luft durch die Membran geht
Eine wasserdichte Membran muss nicht luftdicht sein. Entscheidend ist, ob die Poren durchgehende Kanäle bilden oder blind enden.

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Das Fasergewirr
Die Membran ist keine glatte Folie, sondern ein Geflecht aus sehr feinen Strängen. Die Zwischenräume dazwischen sind die Poren.
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Durchgehende Kanäle
Hier geht der Blick durch die Folie hindurch. Solche durchgehenden Wege lassen nicht nur Wasserdampf passieren, sondern auch Luft.
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Gewunden, nicht gerade
Die Kanäle verzweigen sich und laufen verschlungen. Der Weg ist viel länger als die Foliendicke — flüssiges Wasser kommt gegen diesen Widerstand nicht durch.
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Die Dicke
An der aufgestellten Schnittkante sieht man, wie dünn die Lage tatsächlich ist. Sie trägt sich nicht selbst und braucht immer einen Oberstoff.
Luftdurchlässigkeit ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Bauweise mit zwei Seiten: Feuchte Luft kann unter Belastung sofort entweichen, kalter Wind aber auch eindringen. Für hohe Dauerleistung ist das ein Vorteil, im Stillstand bei Wind ein Nachteil.

Wie die NeoShell-Membran gesponnen statt gereckt wird
NeoShell besteht nicht aus gerecktem PTFE, sondern aus elektrogesponnenen Polyurethan-Nanofasern. Das Verfahren heißt Elektrospinnen und funktioniert grundlegend anders als das Recken einer Folie: Eine Polymerlösung wird durch feine Düsen gedrückt und in einem starken elektrischen Feld zu Fasern von wenigen Nanometern Durchmesser ausgezogen. Diese Fasern legen sich zu einem Vlies, und die Zwischenräume zwischen ihnen sind die Poren.
Der Vorteil liegt in der Steuerbarkeit. Bei einer gereckten Folie entsteht die Porenstruktur beim Aufreißen des Materials und lässt sich nur begrenzt beeinflussen; beim Spinnen bestimmen Faserdicke, Ablagedichte und Schichtdicke, wie offen das Ergebnis wird. Dadurch lässt sich der Punkt zwischen Dichtigkeit und Durchlässigkeit genau dort setzen, wo man ihn haben will.
Wie offen die entstehende Struktur ist, zeigt eine Beschreibung des Herstellers: Die Membran bestehe zu etwa 80 Prozent aus Luft — Millionen von Nanofasern mit Hohlräumen und Kammern dazwischen. Das erklärt zugleich die zweite Besonderheit: Ein Faservlies ist weich und dehnbar, während eine gereckte Folie nur begrenzt nachgibt. NeoShell-Laminate gelten als auffällig leise und beweglich, was für Kleidungsstücke, die sich mitbewegen sollen, ein spürbarer Vorteil ist.
Was unabhängige Messungen über NeoShell zeigen
Polartec veröffentlicht für NeoShell keinen Wert für die Wasserdampfdurchlässigkeit; die im Umlauf befindliche Angabe von rund 30.000 g/m²/24h ist eine Branchenschätzung ohne genanntes Verfahren und deshalb nicht belastbar. Brauchbarer sind Messungen, bei denen mehrere Stoffe im selben Labor mit demselben Verfahren geprüft wurden.
Eine solche Reihe arbeitete mit Permeationskesseln — Wasser bei 105 bis 125 °F, drei Stunden Laufzeit, umgerechnet auf g/m²/24h — und prüfte die Wassersäule nach ISO 811 beziehungsweise AATCC 208 mit einem Suter-Prüfgerät.
| Material | MVTR, gemessen | Wassersäule, gemessen |
|---|---|---|
| Polartec NeoShell | 2.940 | Herstellerangabe 10.000 mm |
| GORE-TEX Pro | 2.869 | über 30.000 mm |
| FUTURELIGHT | 2.780 | 16.416 mm |
Das Ergebnis ist aufschlussreich, weil es zwei verbreitete Erzählungen zugleich relativiert. NeoShell liegt vorn, aber der Abstand zu GORE-TEX Pro Shell beträgt knapp drei Prozent — von einer Verdopplung oder Verzehnfachung, wie sie in der Werbung luftdurchlässiger Membranen gelegentlich anklingt, kann keine Rede sein. Umgekehrt bestätigt sich, dass die Wassersäule deutlich niedriger liegt: 10.000 gegenüber über 30.000 Millimetern.
Wichtig zum Verständnis: Ein Kesselverfahren misst reine Dampfdiffusion ohne Luftströmung. Genau den Vorteil, den NeoShell im Gebrauch ausspielt — den Luftaustausch bei Bewegung —, kann eine solche Messung gar nicht erfassen. Die Zahlen sind eine untere Abschätzung und kein vollständiges Bild.
Die Wassersäule und wo sie an ihre Grenze kommt
Eine Wassersäule von 10.000 Millimetern ist solide und nicht herausragend; Hardshells der Spitzenklasse liegen bei 20.000 bis 28.000. Für Regen aus der Luft reicht das mit großem Abstand — Regentropfen üben keinen nennenswerten Druck aus.
Knapp wird es dort, wo punktuell Druck entsteht: unter dem Hüftgurt eines Trekkingrucksacks, beim Knien auf nassem Fels, beim Sitzen im Schnee. Genau dort trennt sich eine 10.000er-Angabe von einer 20.000er, und genau dort liegt der Preis, den NeoShell für seine Offenheit zahlt. Wer mehrtägig mit schwerem Gepäck unterwegs ist, bekommt mit einer dichteren Membran mehr Reserve.
Was die Normen zu diesen Zahlen tatsächlich festlegen — und was nicht —, steht auf der Normseite zu Wassersäule und Atmungsaktivität. Kurz gefasst: ISO 811 ist ein reines Prüfverfahren ohne Anforderungswerte, und ohne Angabe der Druckanstiegsrate ist eine Wassersäulenangabe nicht exakt reproduzierbar.
Was aus NeoShell geworden ist — und was AirCore kann
Polartec führt NeoShell in seiner aktuellen Stoffübersicht nicht mehr auf. Unter Wetterschutz stehen dort Windbloc, Power Shield Pro, Power Shield RPM und AirCore. Letzteres ist technisch der direkte Nachfolgegedanke: eine ebenfalls elektrogesponnene Nanofasermembran, bei der ein hydrophobes Polymer durch eine mit 20.000 Volt geladene Düse gedrückt wird.
Bei AirCore nennt Polartec erstmals Zahlen mit Prüfverfahren: eine Luftdurchlässigkeit von etwa 0,4 bis 1 cfm nach ASTM D737 bei 125 Pascal, eine Mindest-Spray-Bewertung von 4 und einen anfänglichen Wasserwiderstand von über 4.000 Millimetern nach ISO 811, modifiziert mit Gittereinspannung. AirCore ist damit ausdrücklich wasserabweisend und nicht wasserdicht — ein anderer Anspruch als bei NeoShell.
Für die Einordnung heißt das: NeoShell-Kleidungsstücke sind weiterhin im Handel und im Gebrauch, aber die Entwicklungslinie läuft inzwischen unter anderem Namen und mit anderer Zielsetzung. Wer heute eine luftdurchlässige Hardshell sucht, findet die Technik eher bei FUTURELIGHT und bei den Materialien mit eVent-Herkunft.
Pflege: warum sich eine offene Faserstruktur zusetzt
Eine offene Faserstruktur hat dieselbe Schwäche wie jedes mikroporöse Material: Sie kann sich zusetzen. Hautfette, Salze aus dem Schweiß, Waschmittelrückstände und Schmutz von außen verringern den Luftdurchgang, ohne dass die Jacke undicht würde. Das Kleidungsstück fühlt sich dann innen klamm an und verliert genau den Vorteil, für den man es gekauft hat. Regelmäßiges Waschen ist bei NeoShell keine Belastung, sondern Wartung — mildes Flüssigwaschmittel, niedrige Temperatur, gründlich spülen, auf keinen Fall Weichspüler; der Ablauf steht im Ratgeber Pflege.
Die zweite Alterungslinie betrifft das Polymer selbst. Polyurethan altert durch Hydrolyse: Wasser spaltet die Bindungen im Polymer, und Wärme sowie Salze beschleunigen das. Eine feucht zusammengerollt gelagerte Jacke hat schlechtere Aussichten als eine, die trocken auf dem Bügel hängt — das gilt für NeoShell wie für jedes andere Polyurethanmaterial.
Beim Kauf lohnen drei Prüfungen. Erstens der Lagenaufbau: NeoShell wird überwiegend in Dreilagenlaminaten verarbeitet, und die halten unter Rucksackbelastung am längsten — wie bei jeder anderen Hardshelljacke auch. Zweitens der Oberstoff — weil NeoShell gern mit weichen, dehnbaren Außenstoffen kombiniert wird, fällt die Abriebfestigkeit je nach Modell sehr unterschiedlich aus. Drittens die ehrliche Frage nach dem Einsatz: Wer überwiegend steht, zahlt für einen Vorteil, der sich nicht einstellt.

