Zum Inhalt springen

FUTURELIGHT Funktionsmaterial

Membranen & Laminate Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026

FUTURELIGHT ist die wasserdichte Membran von The North Face, vorgestellt am 8. Januar 2019 auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas. Ihr Unterschied zu älteren Membranen liegt nicht im Material — es ist Polyurethan wie bei vielen anderen auch —, sondern im Herstellungsverfahren.

Dass die Vorstellung auf einer Elektronikmesse stattfand und nicht auf einer Sportartikelmesse, war kein Versehen. The North Face wollte die Membran als Technologiesprung verstanden wissen, nicht als weitere Jacke — und genau an diesem Anspruch muss sie sich messen lassen. Der Werkstoff selbst ist seit Jahrzehnten bekannt: Polyurethan.

2019Vorstellung auf der CES in Las Vegas
~200.000Düsen, durch die die Lösung gezogen wird
72 bis 85 %Luftanteil der Membran nach Herstellerangabe
Nanofasernwas beim Spinnen entsteht

Wie FUTURELIGHT entsteht: 200.000 Düsen statt gereckter Folie

Klassische Membranen werden als Folie hergestellt und anschließend gereckt, bis das Material aufreißt — so entstehen die Poren in ePTFE. Die Porenstruktur ist dabei das Ergebnis eines kontrollierten Zerreißens, und sie lässt sich nur begrenzt steuern.

Beim Elektrospinnen geht man den umgekehrten Weg: Statt eine Fläche aufzureißen, baut man sie aus Fasern auf. Eine Polymerlösung wird durch rund 200.000 feine Düsen gedrückt und in einem starken elektrischen Feld zu Fasern von wenigen Nanometern Durchmesser ausgezogen. Diese Fasern legen sich Lage für Lage zu einem Vlies, und die Zwischenräume zwischen ihnen sind die Poren.

Der Vorteil liegt in der Steuerbarkeit. Faserdicke, Ablagedichte und Schichtdicke lassen sich im Prozess einstellen, und mit ihnen Porengröße, Gewicht, Dehnbarkeit und Haltbarkeit. The North Face nennt genau das als eigentliche Neuerung: Diese Eigenschaften ließen sich in der Fertigung an den jeweiligen Einsatz anpassen. Derselbe Ansatz steckt hinter Polartec NeoShell, das acht Jahre früher erschien.

Infografik
Outdoor Beratung und Ratgeber
Membran

Wenn Luft durch die Membran geht

Eine wasserdichte Membran muss nicht luftdicht sein. Entscheidend ist, ob die Poren durchgehende Kanäle bilden oder blind enden.

Stark vergrößerte Membranfolie mit kreisrunder Nachvergrößerung: ein Gewirr feiner Faserstränge, zwischen denen offene Kanäle vollständig durch die Folie hindurchführen.
  1. Das Fasergewirr

    Die Membran ist keine glatte Folie, sondern ein Geflecht aus sehr feinen Strängen. Die Zwischenräume dazwischen sind die Poren.

  2. Durchgehende Kanäle

    Hier geht der Blick durch die Folie hindurch. Solche durchgehenden Wege lassen nicht nur Wasserdampf passieren, sondern auch Luft.

  3. Gewunden, nicht gerade

    Die Kanäle verzweigen sich und laufen verschlungen. Der Weg ist viel länger als die Foliendicke — flüssiges Wasser kommt gegen diesen Widerstand nicht durch.

  4. Die Dicke

    An der aufgestellten Schnittkante sieht man, wie dünn die Lage tatsächlich ist. Sie trägt sich nicht selbst und braucht immer einen Oberstoff.

Luftdurchlässigkeit ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Bauweise mit zwei Seiten: Feuchte Luft kann unter Belastung sofort entweichen, kalter Wind aber auch eindringen. Für hohe Dauerleistung ist das ein Vorteil, im Stillstand bei Wind ein Nachteil.

Mit KI-Unterstützung erstellt Schematische, nicht maßstabsgetreue Darstellung.

Eine Membran, die zu 85 Prozent aus Luft besteht

Wie offen das Ergebnis ausfällt, zeigt eine Zahl, die The North Face selbst nennt: Die leichteste Ausführung enthalte 85 Prozent Luft, die schwerste noch 72 Prozent. Die Membran ist damit eher ein sehr feines Gespinst als ein Film — der Hersteller zieht den Vergleich zu einem Aerogel.

Daraus folgen drei Eigenschaften. Erstens eine Luftdurchlässigkeit, die eine geschlossene oder nur mikroporöse Folie nicht hat: Der Wasserdampf wird nicht allein per Diffusion transportiert, sondern teilweise mit strömender Luft weggetragen. Zweitens ein sehr geringes Flächengewicht, weil kaum Material verbaut wird. Drittens Dehnbarkeit — ein Faservlies gibt nach, ohne zu reißen, während eine gereckte Folie an ihre Grenze kommt. Was das für eine fertige Außenschicht bedeutet, ordnet der Ratgeber zur Hardshelljacke ein.

Die Kehrseite derselben Offenheit: Die Spanne zwischen den Ausführungen ist groß. Zwischen 72 und 85 Prozent Luftanteil liegen zwei sehr verschiedene Materialien, und beide heißen FUTURELIGHT.

Was unabhängige Messungen über FUTURELIGHT ergeben

Aussagekräftig sind nur Messungen, bei denen mehrere Stoffe im selben Labor nach demselben Verfahren geprüft wurden. Eine solche Reihe arbeitete für die Wasserdampfdurchlässigkeit mit Permeationskesseln — Wasser bei 105 bis 125 °F, drei Stunden Laufzeit, umgerechnet auf g/m²/24h — und prüfte die Wassersäule nach ISO 811 beziehungsweise AATCC 208 mit einem Suter-Prüfgerät.

MaterialMVTR, gemessenWassersäule, gemessen
Polartec NeoShell2.940Herstellerangabe 10.000 mm
GORE-TEX Pro2.869über 30.000 mm
FUTURELIGHT2.78016.416 mm

Das Ergebnis widerspricht der Werbeaussage deutlich: FUTURELIGHT liegt in dieser Messung nicht vorn, sondern hinter NeoShell und hinter GORE-TEX Pro Shell — bei Abständen von wenigen Prozent, die praktisch kaum ins Gewicht fallen. Von einer zehnfach höheren Durchlässigkeit ist nichts zu erkennen.

Zur Fairness gehört allerdings zweierlei. Erstens misst ein Kesselverfahren reine Dampfdiffusion ohne Luftströmung — genau den Vorteil, den eine luftdurchlässige Membran im Gebrauch ausspielt, kann es gar nicht erfassen. Zweitens ist FUTURELIGHT einstellbar, und welche Ausführung geprüft wurde, bestimmt das Ergebnis mit. Die Zahlen sind deshalb eine untere Abschätzung für eine bestimmte Variante, kein Urteil über die Technik.

Die gemessene Wassersäule von 16.416 Millimetern ist dabei ein respektabler Wert — er liegt zwischen NeoShell und den Spitzenlaminaten und reicht für Regen samt punktuellem Druck unter Rucksackgurten aus. Für den Dauereinsatz mit Gepäck lohnt der Blick in den Ratgeber zur Trekkingjacke.

Warum der Name FUTURELIGHT keine Leistungsangabe ist

Genau weil die Membran einstellbar ist, taugt der Name nicht als Leistungsangabe. Eine Skijacke und eine leichte Laufjacke können dieselbe Bezeichnung tragen und verschieden dicht gesponnen sein — mit unterschiedlicher Wassersäule, unterschiedlichem Luftdurchgang und unterschiedlicher Haltbarkeit.

Das ist kein Mangel der Technik, sondern die unmittelbare Folge ihrer Stärke. Eine gereckte Folie ist in jedem Produkt dieselbe; ein Spinnprozess erlaubt es, für jede Anwendung ein eigenes Material zu erzeugen. Der Preis dafür ist, dass man genauer hinsehen muss.

Die aussagekräftigen Angaben stehen deshalb am Produkt und nicht am Material: Wassersäule, Lagenaufbau, Flächengewicht des Oberstoffs und ob alle Nähte verschweißt sind. Wo diese Angaben fehlen, hilft auch der Markenname nicht weiter.

FUTURELIGHT oder DryVent: welche Linie für welchen Geldbeutel

Innerhalb des Programms von The North Face steht FUTURELIGHT über DryVent, der breiteren und erheblich günstigeren Familie auf Basis einer Polyurethanbeschichtung. DryVent sitzt in Freizeit-, Reise- und Schneesportbekleidung, FUTURELIGHT in den technischen Linien. Beide beruhen auf Polyurethan, unterscheiden sich aber grundlegend in Aufbau und Verfahren.

Beim Kauf lohnt neben den Produktangaben eine ehrliche Einschätzung des Einsatzes. Luftdurchlässige Membranen spielen ihren Vorteil im Aufstieg und bei wechselnder Belastung aus. Wer die Jacke überwiegend im Stand trägt, bekommt von der Technik wenig und zahlt den Aufpreis trotzdem — für solche Fälle genügt oft eine schlichte Regenjacke.

Pflege: warum sich eine offene Faserstruktur zusetzt

Für die Pflege gelten zwei Regeln. Erstens: Waschen ist Wartung. Eine offene Faserstruktur kann sich mit Hautfetten, Salzen und Schmutz zusetzen; der Luftdurchgang sinkt dann, ohne dass die Jacke undicht würde. Mildes Flüssigwaschmittel, niedrige Temperatur, gründlich spülen, kein Weichspüler.

Zweitens: Polyurethan altert durch Hydrolyse — Wasser spaltet die Bindungen im Polymer, Wärme und Salze beschleunigen das. Trocken und kühl lagern ist die wirksamste Maßnahme, die es gibt, und sie kostet nichts außer einem Bügel im Schrank statt eines Knäuels im Rucksackboden.

Was Elektrospinnen für die Branche bedeutet

Die eigentliche Bedeutung von FUTURELIGHT liegt weniger in der einzelnen Jacke als darin, dass ein großer Markenhersteller das Verfahren in die Breite gebracht hat. Elektrospinnen war in der Textilforschung lange bekannt und blieb aus Kostengründen eine Nischentechnik; dass eine Membran daraus in Serie gefertigt wird, war 2019 neu.

Für die Entwicklung von Wetterschutzmaterialien hat das zwei Folgen. Erstens entfällt die Bindung an Fluorpolymere: Ein Spinnprozess funktioniert mit Polyurethan ebenso wie mit anderen Polymeren — in Zeiten, in denen Fluorchemie regulatorisch unter Druck steht, ein strategischer Vorteil. Zweitens wird die Membran von einem Zukaufteil zu einem gestaltbaren Bauteil: Wer selbst spinnt, kann für jede Produktlinie ein eigenes Material erzeugen, statt aus einem Katalog zu wählen.

Dass die Leistungsunterschiede zur etablierten Konkurrenz in Messungen klein ausfallen, widerspricht dem nicht. Technologiesprünge im Textilbereich zeigen sich selten in verdoppelten Kennzahlen, sondern darin, dass ein Material plötzlich anders hergestellt, anders eingestellt und anders kombiniert werden kann. Der Nutzen liegt in der Freiheit, nicht in der Spitzenzahl.

Inhalt

Gefällt dir, was du hier liest?

Teilen-Bild zu FUTURELIGHT: gesponnen statt gereckt | Outdoorberater

Gefällt dir, was du hier liest?

Wir stecken viel Arbeit in outdoorberater.de — gemessene Angaben statt Werbesprüche, keine Bezahlschranke, keine Werbeflut. Wenn dir das hilft, ist Weiterempfehlen die schönste Art, Danke zu sagen. Jedes Teilen hilft anderen, uns zu finden, und hält das Projekt am Leben.

Zurück zum Seitenanfang