schoeller c_change Funktionsmaterial
Membranen & Laminate Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
c_change ist eine Membran der Schweizer Schoeller Textil AG, die 2006 vorgestellt wurde. Der Hersteller bezeichnet sie als bionische Klimamembran und begründet ihre Funktion mit einem Formgedächtnispolymer: Die Molekülstruktur soll sich bei Wärme öffnen und bei Kälte wieder schließen, sodass die Durchlässigkeit mit der Belastung steigt und bei Ruhe sinkt.
Diese Behauptung verdient eine genauere Prüfung als die üblichen Produktversprechen — denn sie wäre, wenn sie in der behaupteten Form zuträfe, eine echte Besonderheit. Diese Seite trennt deshalb, was veröffentlicht ist, von dem, was aus der Physik jeder hydrophilen Membran ohnehin folgt. Verarbeitet wird c_change überwiegend in dehnbaren Außenschichten, wie sie der Ratgeber zur Softshelljacke beschreibt.
Was eine hydrophile Membran ohnehin von allein tut
Zum Verständnis muss man den Membrantyp kennen. Eine mikroporöse Membran hat Löcher: Wasserdampf wandert hindurch, Tropfen bleiben hängen. Eine hydrophile Membran hat keine Löcher. Sie ist eine dichte Folie, meist auf Polyurethanbasis, in deren Polymer wasserliebende Abschnitte eingebaut sind. Wasserdampf löst sich auf der warmen, feuchten Innenseite im Material, diffundiert durch die Folie und verdunstet außen wieder.

Mit Poren oder ohne
Beide Bauarten halten Wasser zurück und lassen Dampf durch — auf völlig verschiedenen Wegen. Die eine hat Öffnungen, die zu klein für einen Tropfen und groß genug für ein Dampfmolekül sind. Die andere hat überhaupt keine.
Mikroporös
Gewundene Kanäle durch die Folie

Der Dampf findet durch die Kanäle hindurch. Der Tropfen ist zu groß für sie und bleibt liegen — solange die Kanäle nicht durch Schmutz oder Öl belegt sind.
- Im Gebrauch
- Atmet schnell, reagiert empfindlich auf Verschmutzung
Porenlos
Geschlossene Folie

Es gibt keine Öffnung. Der Dampf wird an der Innenseite gebunden, wandert durch das Material und tritt außen wieder aus — getrieben vom Feuchteunterschied.
- Im Gebrauch
- Unempfindlich gegen Schmutz, braucht ein Gefälle
Daraus folgt der Unterschied im Gebrauch: Die mikroporöse Membran arbeitet sofort, verliert aber Leistung, wenn ihre Kanäle zusetzen — deshalb das Waschen. Die porenlose braucht ein Feuchtegefälle und kommt bei geringer Anstrengung kaum in Gang, altert dafür unempfindlicher.

Dieser Transport hängt von zwei Dingen ab, und beide verändern sich mit der Temperatur. Erstens vom Dampfdruckgefälle: Warme Luft kann deutlich mehr Wasser aufnehmen als kalte, der Unterschied zwischen innen und außen wächst also mit der Temperatur. Zweitens von der Beweglichkeit der Polymerketten: Wärme macht sie beweglicher, und beweglichere Ketten lassen Moleküle schneller hindurchdiffundieren.
Mit anderen Worten: Jede hydrophile Membran wird durchlässiger, wenn es wärmer wird. Das ist keine Erfindung, sondern Diffusionsphysik. Die eigentliche Frage bei c_change lautet deshalb nicht, ob die Durchlässigkeit mit der Temperatur steigt — sie muss steigen —, sondern ob sie stärker steigt, als dieser gewöhnliche Effekt erklären würde.
Was Schoeller zu c_change veröffentlicht — und was fehlt
Die zentrale veröffentlichte Zahl stammt aus der Vorstellung des Materials: Die Wasserdampfdurchlässigkeit steige um 55 Prozent, wenn die Temperatur von 10 auf 20 °C klettert. Daneben steht ein Vergleich, nach dem c_change 25 Prozent mehr Feuchtigkeit nach außen abführe als hydrophobe Membransysteme.
Zu beiden Angaben fehlt dasselbe: das Prüfverfahren. Es wird weder genannt, ob nach EN ISO 11092 der Wasserdampfdurchgangswiderstand gemessen wurde, noch welche der zahlreichen MVTR-Methoden zugrunde liegt. Das ist kein formaler Einwand — dieselbe Membran erreicht je nach Methode Werte, die um den Faktor zehn auseinanderliegen. Mehr dazu steht unter MVTR-Wert und Messverfahren.
Was am Formgedächtnis von c_change wirklich belegt ist
Formgedächtnispolymere gibt es, und das Prinzip ist beschrieben: Ein Polymer mit festen und beweglichen Abschnitten kann oberhalb einer Übergangstemperatur in einen beweglicheren Zustand wechseln und darunter wieder in den steiferen zurückkehren. Dass ein solches Verhalten die Durchlässigkeit eines Films beeinflusst, ist plausibel — eine beweglichere Matrix lässt Moleküle leichter passieren.
Nicht belegt ist, wie groß dieser Anteil am genannten Anstieg von 55 Prozent ist. Ohne Vergleichsmessung an einer herkömmlichen hydrophilen Membran unter identischen Bedingungen lässt sich der Schalteffekt nicht vom gewöhnlichen Temperaturgang trennen. Eine solche Vergleichsmessung ist nicht veröffentlicht.
Ebenfalls offen bleibt die Übergangstemperatur. Ein Formgedächtnispolymer schaltet nicht gleitend, sondern in einem Bereich — und wo dieser Bereich bei c_change liegt, nennt der Hersteller nicht. Die Angabe „10 bis 20 °C" beschreibt die Prüfbedingung, nicht die Schaltschwelle.
Warum das Klebepunktraster die Durchlässigkeit begrenzt
Die Membran wird in zwei- und dreilagigen Konstruktionen verarbeitet, jeweils in dehnbarer und undehnbarer Ausführung. Verbunden werden die Lagen mit einem Polyurethan-Punktraster: Der Klebstoff wird nicht flächig, sondern als Punktmuster aufgetragen, sodass zwischen den Punkten Wasserdampf passieren kann.
Dieses Detail ist wichtiger, als es klingt. Jeder Klebepunkt ist eine Stelle, an der die Membran blockiert ist; der Anteil der freien Fläche begrenzt die Durchlässigkeit des Laminats nach oben — unabhängig davon, was die Membran selbst könnte. Ein Laminat ist deshalb nie so durchlässig wie die Membran, aus der es besteht, und Herstellerangaben zur Membran sind nicht auf das fertige Material übertragbar.
Weil die Membran dicht ist, ist sie zugleich winddicht und wasserdicht; eine konkrete Wassersäule nach ISO 811 veröffentlicht der Hersteller allerdings ebenso wenig wie einen Ret-Wert. Das Material ist nach Herstellerangabe nach dem bluesign®-Standard hergestellt. Wer eine belastbare Zahl zur Dichtigkeit braucht, findet sie also nicht am Material, sondern bestenfalls am einzelnen Kleidungsstück — und auch dort nur, wenn die verarbeitende Marke sie ausweist.
Warum eine temperaturgesteuerte Membran überhaupt sinnvoll wäre
Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar und beschreibt ein echtes Problem. Eine Membran steht immer in einem Zielkonflikt: Hohe Durchlässigkeit ist gut, solange man schwitzt, und schlecht, sobald man steht und auskühlt. Weil der Träger beides innerhalb einer Stunde erlebt, ist jede fest eingestellte Membran für den halben Tag die falsche.
Eine Membran, die sich an der Temperatur orientiert, würde diesen Konflikt auflösen — vorausgesetzt, sie orientiert sich an der richtigen Temperatur. Und genau hier liegt die praktische Schwierigkeit: Maßgeblich wäre die Temperatur in der Membran, also irgendwo zwischen Körperwärme innen und Außenluft außen. Bei einer dreilagigen Jacke im Winter liegt dieser Wert deutlich näher an der Außentemperatur als an der Haut.
Daraus folgt eine Einschränkung, die in der Produktdarstellung nicht auftaucht: Wer bei fünf Grad schwitzend aufsteigt, hat eine kalte Membran — und die wäre nach der beschriebenen Logik geschlossen, also im unpassenden Zustand. Ob und wie das System darauf reagiert, lässt sich den veröffentlichten Angaben nicht entnehmen.
c_change gegen mikroporöse Membranen: wo liegt der Vorteil?
Gegen eine mikroporöse Membran hat c_change die bekannten Vorteile hydrophiler Systeme: Sie setzt sich nicht mit Öl und Schmutz zu, weil es keine Poren gibt, die verstopfen könnten, und sie lässt sich dehnbar ausführen. Nachteilig ist die Anlaufzeit — eine dichte Membran braucht ein Dampfdruckgefälle, und wenn das Kleidungsstück innen kalt ist, passiert zunächst wenig.
Gegen eine gewöhnliche hydrophile Polyurethanmembran unterscheidet sie sich nach Herstellerdarstellung allein durch das Formgedächtnisverhalten. Ob dieser Unterschied im Tragen spürbar ist, lässt sich mit den veröffentlichten Angaben nicht beurteilen. Für den Käufer bedeutet das: Das Material gehört zur Klasse der dichten, dehnbaren Membranen und verhält sich wie diese — die Zusatzfunktion ist nicht überprüfbar. Wer dagegen gesicherte Dichtigkeit über Stunden braucht, ist mit einem geprüften Dreilagenlaminat besser bedient, wie es der Ratgeber zur Hardshelljacke beschreibt.
Pflege: warum feuchtes Aufhängen die Lebensdauer kostet
Dichte Polyurethanmembranen altern durch Hydrolyse: Wassermoleküle spalten die Polymerkette, und das Material wird spröde. Beschleunigt wird das durch Wärme, dauerhafte Feuchtigkeit und Rückstände von Schweißsalzen und Waschmittel. Wer eine solche Jacke feucht in den Keller hängt, verkürzt ihre Lebensdauer messbar.
In der Pflege heißt das: regelmäßig waschen statt selten, mit einem Spezialwaschmittel ohne Weichspüler, gründlich spülen und vollständig trocknen lassen. Die wasserabweisende Ausrüstung gehört aufgefrischt, sobald die Oberfläche bei Regen dunkel wird — eine durchnässte Außenlage blockiert den Dampftransport, und zwar bei jeder Membran, gleich welcher Bauart.

