ISO 4674: Weiterreißfestigkeit beschichteter Gewebe
Messwerte & Normen Redaktion Outdoorberater Stand 10/2026
ISO 4674 bestimmt die Weiterreißfestigkeit von Geweben, die mit Gummi oder Kunststoff beschichtet sind — also genau der Materialklasse, aus der Zeltböden, Außenzelte und Planen bestehen. Gemessen wird nicht, welche Kraft ein unversehrter Stoff aushält, sondern welche Kraft nötig ist, um einen schon vorhandenen Einriss weiterlaufen zu lassen.
Das ist die Frage, die draußen zählt. Ein Zeltboden reißt selten unter gleichmäßigem Zug; er bekommt ein Loch von einem Stein oder einem Dorn, und dann entscheidet sich, ob daraus ein Zentimeter oder ein halber Meter wird.
Zwei Prüfverfahren: Zungenriss und Hosenriss
Teil 1 der Norm beschreibt zwei Prüfanordnungen, beide mit einer Zugprüfmaschine bei gleichbleibender Dehngeschwindigkeit:

Welcher Test welche Frage beantwortet
Hinter jeder Zahl auf einem Etikett steht ein Prüfaufbau. Wer ihn kennt, versteht, was die Zahl aussagt — und was nicht. Fünf Verfahren decken den größten Teil dessen ab, was an Outdoortextilien gemessen wird.
Becherverfahren
Wasserdampfdurchlässigkeit

Ein Becher Wasser wird mit dem Prüfling verschlossen und gewogen. Was an Masse verschwindet, ist als Dampf durch den Stoff gegangen.
- Die Frage dahinter
- Wie viel Dampf kommt in einer bestimmten Zeit durch?
Spray-Test
Oberflächenbenetzung

Wasser wird aus fester Höhe auf den schräg gespannten Prüfling gesprüht. Benotet wird, wie viel davon abperlt und wie viel haften bleibt.
- Die Frage dahinter
- Wirkt die Imprägnierung noch?
Bundesmann
Beregnung von oben

Künstlicher Regen fällt über längere Zeit auf vier Prüflinge. Gemessen wird, wie viel Wasser durchkommt und wie viel der Stoff aufnimmt.
- Die Frage dahinter
- Was passiert im Dauerregen?
Martindale
Scheuerfestigkeit

Ein belasteter Prüfkopf reibt in festgelegten Bahnen über den Stoff. Gezählt wird, wie viele Touren bis zum ersten Fadenbruch vergehen.
- Die Frage dahinter
- Wie lange hält der Stoff Reibung aus?
Weiterreißversuch
Reißfestigkeit

Ein eingeschnittener Streifen wird auseinandergezogen. Gemessen wird die Kraft, die nötig ist, damit der Riss weiterläuft.
- Die Frage dahinter
- Was passiert, wenn der Stoff erst einmal ein Loch hat?
Keine dieser Zahlen beschreibt die Jacke als Ganzes. Ein Stoff mit hoher Scheuerfestigkeit kann an der Naht reißen, einer mit guter Dampfdurchlässigkeit im Regen durchnässen. Die Verfahren prüfen den Stoff — nicht die Verarbeitung, und schon gar nicht die Passform.

Methode A, der Zungenriss: Die Probe wird so eingeschnitten, dass zwei Rissfronten gleichzeitig laufen. Die beiden entstehenden „Zungen" werden auseinandergezogen.
Methode B, der Hosenriss: Ein einzelner Schlitz wird eingebracht, die beiden Schenkel werden auseinandergezogen, und der Riss läuft an einer einzigen Front weiter — anschaulich wie bei einem einreißenden Hosenbein.
In beiden Fällen wird mit einer Klemmengeschwindigkeit von 100 ± 10 mm/min gezogen und der gesamte Kraftverlauf aufgezeichnet. Das ist wichtig, weil ein Riss nicht gleichmäßig läuft: Die Kraft schwankt, während er von Faden zu Faden springt. Ausgewertet wird deshalb nicht ein Einzelwert, sondern der Verlauf.
Warum die Weiterreißfestigkeit so klein ausfällt
Eine Weiterreißkraft liegt um Größenordnungen unter der Höchstzugkraft nach ISO 13934. Der Grund ist die Verteilung: Im Zugversuch verteilt sich die Kraft über die gesamte Breite des Streifens, an einer Rissspitze konzentriert sie sich auf wenige Fäden.
Das erklärt zugleich, warum ein Ripstop-Gitter so wirksam ist: Es setzt der Rissspitze in regelmäßigen Abständen einen Faden entgegen, der mehr aushält als seine Nachbarn. Für die Höchstzugkraft bringt dasselbe Gitter kaum etwas.
Was beim Zeltkauf daraus folgt
Für den Boden ist die Weiterreißfestigkeit der wichtigere Wert, für die Wassersäule gilt das Umgekehrte: Sie wird oft hoch angegeben, weil sie sich leicht erhöhen lässt — eine dickere Beschichtung bringt mehr Millimeter und macht das Gewebe gleichzeitig steifer und rissempfindlicher.
Wer zwei Zeltböden vergleicht, stellt deshalb am besten drei Angaben nebeneinander: Denier für die Fadenstärke, Weiterreißfestigkeit für das Verhalten im Schadensfall und Wassersäule für die Dichtigkeit. Fehlt die mittlere, fehlt die aussagekräftigste.

