Materialien von Wanderschuhen – Lederkunde
Leder ist bei Wanderschuhen nach wie vor das wichtigste Material. Auch viele GTX-Schuhe mit Membran haben eine dünne Lederschicht als Obermaterial.
Lederarten
Es gibt unterschiedliche Lederarten, die unter zahlreichen herstellerspezifischen Bezeichnungen sowie mit diversen Werbebegriffen (z.B. Bio-Leder) garniert, verkauft werden. Bei Wanderschuhen werden vor allem die folgenden Lederarten eingesetzt:
Vollleder
Als Vollleder wird Leder in voller Hautdicke bezeichnet, bei dem die Narbenseite erhalten ist. Vollleder ist ungespalten und daher sehr dick. Die Materialstärke macht Vollleder zu einer guten Wahl für schwere Bergschuhe. Für normale Wanderschuhe wäre Vollleder hingegen zu schwer und zu steif.
Rauleder
Rauleder ist ein Oberbegriff, der insbesondere die zahlreichen Varianten des Nubuk- und Veloursleders umfasst.
Nubukleder
Ein Nubukleder ist ein Leder mit einer rauen Oberfläche. Bearbeitet wird die Narbenseite der Haut. Die Oberfläche ist zwar rau, aber dennoch fein, so dass sich gutes Nubukleder beinahe wie Samt anfühlt. Bei vielen modernen Wanderschuhen mit Membran wird dünnes Nubukleder als äußerste Schicht verwendet.
Veloursleder
Veloursleder hat eine raue Oberfläche. Im Gegensatz zum Nubukleder wird beim Veloursleder nicht die Narbenseite angeschliffen, sondern die Fleischseite. Gewonnen wird das Leder aus dem Fleischspalt, also aus der unteren, grobfaserigen Schicht der Haut (Retikularschicht) — die feinfaserige obere Schicht mit der Narbe (Papillarschicht) fehlt ihm. Es gibt viele verschiedene Veloursleder, aber allen gemein ist die raue Lederstruktur. Im Fachjargon wird auch von velourigem Leder gesprochen. Da dem Veloursleder die tragende Narbenschicht fehlt, werden für seine Herstellung häufig Rohprodukte verwendet, die nicht die höchste (optische) Qualität haben und deswegen für andere Verarbeitungen nicht optimal geeignet sind.
Wildleder
Der Begriff Wildleder besagt nur, dass es sich um Leder von einem wild lebenden Tier handelt. Heute sollte man besser das Wort „ursprünglich“ hinzufügen, denn Wildleder wird z.T. auch von Wildtieren gewonnen, die in Wildgehegen gehalten werden.

Was beim Schleifen verlorengeht
Die äußerste Schicht einer Tierhaut ist nicht nur ihre Oberfläche, sondern ihr festester Teil: Dort sind die Kollagenfasern am dichtesten verflochten. Ob sie erhalten bleibt oder abgetragen wird, entscheidet über Haltbarkeit, Wasseraufnahme und Pflege.
Vollnarbenleder
Die natürliche Oberfläche ist erhalten

In der äußersten Schicht sind die Kollagenfasern am dichtesten verflochten. Sie trägt die Last, hält Wasser zurück und widersteht dem Abrieb am längsten.
- Im Gebrauch
- Haltbarster Aufbau, nimmt Fett gut auf, altert sichtbar
Geschliffenes Leder
Die Narbenschicht ist abgetragen

Abgeschliffen wird genau der dichteste Teil. Was bleibt, ist das lockere Gewebe darunter — gleichmäßiger im Aussehen, aber weniger belastbar.
- Im Gebrauch
- Einheitliche Optik, nimmt mehr Wasser auf, reibt schneller durch
Geschliffenes Leder ist deshalb nicht schlecht — Nubuk und Veloursleder sind bewusste Entscheidungen für ein bestimmtes Aussehen und einen bestimmten Griff. Nur ist die Narbenschicht, einmal abgetragen, nicht wiederherstellbar, und keine Pflege ersetzt sie.

Kunststoff als wertvolle Alternative und Ergänzung zu Leder
Bei modernen Wanderschuhen kommt aber nicht nur Leder zum Einsatz. Viele Hersteller kombinieren Leder mit diversen Kunststoffen. Es ist aber möglich, ganz auf Leder zu verzichten und den Schuh komplett aus Kunststoff herzustellen. Kunststoffe haben z.B. den Vorteil, dass sie kein Wasser aufsaugen und sehr flexibel gestaltet werden können. Meindl setzt bei vielen Modellen z.B. Polyester-Schäume ein, die sich sehr gut an den Fuß anpassen und somit das Tragegefühl verbessern.
Die aktuell beliebtesten Wanderschuhe haben innen Kunststoff und außen ein dünnes Leder. Dazwischen befindet sich eine Gore-Tex-Membran, die atmungsaktiv und wasserdicht ist. Leider hält die Gore-Tex-Membran nicht ewig, so dass die Schuhe regelmäßig durch ein neues Paar ersetzt werden müssen. Lederschuhe sind hingegen sehr gut für Reparaturen geeignet, so dass Wanderschuhe aus Leder sehr lange genutzt werden können.
Wichtige Kunststoffe, die bei Wanderschuhen eingesetzt werden
Cordura
Cordura ist ein Markenname für Nylongewebe. Cordura wird als Lederersatz beim Obermaterial eingesetzt. Es gibt sehr viele unterschiedliche Cordura-Varianten, so dass vom leichten Wanderschuhe bis zum schweren Wanderstiefel alle Varianten mit Cordura realisiert werden können.
Evazote (EVA)
Evazote ist der Markenname eines Schaumstoffes. Das Material, ein Ethylencopolymer, wird zur Dämpfung verwendet. Viele moderne Wanderschuhe haben eine EVA-Zwischensohle.
Polyethylen (PE)
Polyethylen ist ein thermoplastischer Kunststoff, d.h. das Material lässt sich unter Wärme verformen. Meindl und diverse andere Hersteller setzen PE-Schaum als Dämpfungselement ein.
Polyurethan (PU)
Polyurethan wird in unterschiedlichen Varianten eingesetzt. Meindl benutzt bei manchen Modellen z.B. PU-Keile, die den Fuß stützen. PU lässt sich gut verarbeiten und ist extrem robust.
Gore-Tex
Atmungsaktives und wasserdichtes Material, das als Membran bei vielen modernen Wanderschuhen eingesetzt wird.
TPU
TPU steht für Thermoplastisches Polyurethan und ist eine Variante von Polyurethan (PU), die auf Temperatur reagiert und z.B. für Schaumstoffe verwendet werden kann.
Leder und Kunststoff: die Entscheidung an fünf Eigenschaften
Die Materialwahl wird oft als Grundsatzfrage behandelt und ist eine Abwägung zwischen fünf Eigenschaften, von denen keine einseitig für ein Material spricht.
Anpassung an den Fuß. Leder gibt nach und formt sich über die ersten Wochen dem Fuß an. Kunststoffgewebe tut das kaum — es passt vom ersten Tag oder gar nicht. Für Füße mit Besonderheiten ist das der stärkste Punkt für Leder.
Gewicht. Kunststoffgewebe ist deutlich leichter, und jedes Gramm am Fuß wiegt beim Gehen mehrfach, weil es bei jedem Schritt beschleunigt werden muss. Auf langen Etappen ist das der stärkste Punkt für Kunststoff.
Haltbarkeit. Gutes, dickes Leder übersteht Jahre im Geröll, wo ein Gewebeschuh scheuert und aufreißt. Dafür ist Leder anfällig für Austrocknen und Rissbildung, wenn es nicht gepflegt wird.
Trocknungsverhalten. Kunststoff trocknet schneller, Leder langsamer — ein nasser Lederschuh kann einen ganzen Tag brauchen. Auf mehrtägigen Touren mit Regen ist das ein praktischer Nachteil, der schwerer wiegt als die Nässebeständigkeit selbst.
Pflegeaufwand. Leder verlangt regelmäßiges Fetten oder Wachsen, Kunststoff nur Reinigung und gelegentlich eine Imprägnierung. Wer die Pflege nicht leistet, verliert bei Leder mehr als bei Kunststoff.
Die Lederarten und was sie unterscheidet
Nicht jedes Leder verhält sich gleich, und die Unterschiede sind größer als zwischen zwei Kunststoffgeweben.
Vollnarbiges Leder trägt die äußere, dichteste Hautschicht noch. Es ist das robusteste und das natürlich wasserabweisendste, aber auch das steifste und teuerste — die typische Wahl für schwere Bergstiefel.
Nubukleder ist angeschliffenes vollnarbiges Leder mit samtiger Oberfläche. Durch das Anschleifen ist die dichte Außenschicht angegriffen, weshalb es mehr Pflege braucht; dafür ist es weicher und angenehmer.
Veloursleder und Spaltleder stammen aus den unteren Hautschichten. Sie sind weicher, leichter und günstiger, aber weniger reißfest und deutlich wasserdurchlässiger. In leichten Wanderschuhen verbreitet, in Bergstiefeln nicht.
Ein Hinweis zur Dicke: Angaben in Millimetern sagen mehr über die Robustheit als die Lederart. Ein dickes Veloursleder kann haltbarer sein als ein dünnes Nubuk — nur steht die Dicke selten im Datenblatt.
Welche Kunststoffe verbaut werden
Bei Gewebeschuhen begegnen vier Kunststoffe, und sie haben verschiedene Aufgaben.
Polyamid — oft als Nylon oder Cordura bezeichnet — ist das reißfesteste und wird für beanspruchte Schaftpartien verwendet. Seine Feinheit wird in Denier angegeben, einem Maß für die Garnfeinheit und nicht für die Festigkeit selbst.
Polyester ist formstabiler und UV-beständiger, aber weniger reißfest. Es findet sich in Futter und in weniger beanspruchten Flächen.
Polyurethan wird für Zwischensohlen und für Verstärkungen eingesetzt. Hier liegt die wichtigste Materialeigenschaft überhaupt: Polyurethan zerfällt durch Hydrolyse, und zwar nach Jahren und unabhängig von der Laufleistung.
Thermoplastische Kunststoffe bilden Zehen- und Fersenkappen, Sohlenstabilisatoren und Ösenaufnahmen. Sie sind der Grund, warum ein moderner Gewebeschuh trotz weichem Schaft Stabilität haben kann.
Die Membran gehört zur Materialfrage
Fast alle Wanderschuhe — aus Leder wie aus Gewebe — sind heute mit einer Membran ausgestattet. Sie ist eine zusätzliche Schicht zwischen Außenmaterial und Futter und verändert das Verhalten des Schuhs erheblich.
Der Gewinn ist Nässeschutz von außen. Der Preis ist, dass die Membran den Dampftransport begrenzt und dass ein durchnässter Schuh von innen langsamer trocknet — die Membran hält das Wasser dann auch am Herausgehen. Welche Abwägung dahintersteht, behandelt der Ratgeber Membran oder Leder ausführlich.
Für die Materialwahl heißt das: Bei einem Membranschuh ist das Außenmaterial weniger für die Dichtheit zuständig als für Abriebfestigkeit und Formhalt. Die Frage „Leder oder Gewebe" verschiebt sich damit von der Nässe zur Haltbarkeit und zum Gewicht.
Was die Sohle beiträgt
Die Sohle besteht aus mehreren Materialien mit getrennten Aufgaben, und sie werden regelmäßig verwechselt.
Die Laufsohle aus Gummimischung liefert Grip und Abriebfestigkeit. Die Zwischensohle aus Polyurethan oder EVA dämpft und bestimmt die Steifigkeit. Eine eingelegte Brandsohle oder Verstärkung entscheidet, wie weit sich der Schuh verwinden lässt — und damit, ob er für steiles Gelände taugt.
Weiche EVA-Zwischensohlen sind leicht und dämpfen gut, verlieren aber schneller ihre Rückstellkraft. Polyurethan ist schwerer, formstabiler und langlebiger im Gebrauch — mit der genannten Einschränkung der Hydrolyse bei langer Lagerung. Mehr zur Verbindung von Schaft und Sohle steht im Ratgeber zur Machart.
Woran Sie die Materialqualität im Laden erkennen
Vier Handgriffe sagen mehr als jede Materialangabe auf dem Schild.
Die Sohlenkante ansehen. Feine Querrisse in der Zwischensohle sind das Warnzeichen für beginnende Materialalterung. Das betrifft auch neue Schuhe, die lange im Regal standen.
Den Schuh verwinden. An Ferse und Spitze greifen und verdrehen. Wie weit er nachgibt, sagt mehr über die Eignung für steiles Gelände als jede Kategorieangabe.
Innen hineinfassen. Vorstehende Nähte, harte Kanten an der Fersenkappe oder ein faltiges Futter sind Druckstellen in Wartestellung. Was die Hand spürt, spürt der Fuß nach drei Stunden deutlicher.
Auf das Futter achten. Ein Lederfutter nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie ab, ein Kunststofffutter transportiert sie schneller. Bei Membranschuhen ist das Futter ohnehin Teil des Laminats und nicht frei gewählt.
Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit
Bei der Materialfrage lohnt ein Blick über die erste Saison hinaus, denn die Materialwahl entscheidet mit darüber, wie lange ein Schuh im Gebrauch bleibt.
Ein Lederschuh mit einer Machart, die eine Neubesohlung erlaubt, lässt sich zweimal oder dreimal neu besohlen und über ein Jahrzehnt tragen. Ein leichter Gewebeschuh mit angespritzter Sohle ist nach dem Sohlenverschleiß am Ende — er wiegt dafür während seiner ganzen Lebensdauer weniger.
Das ist keine Entscheidung, die eine Richtung hat: Ein Schuh, der zehn Jahre getragen und zweimal besohlt wird, hält länger als drei leichte. Ein Schuh, der zu steif für die eigenen Touren ist und deshalb im Schrank bleibt, hält niemandem etwas. Wer die Reparierbarkeit will, prüft die Machart vor dem Material.
Was Imprägnierung leisten kann
Beide Materialgruppen lassen sich wasserabweisend ausrüsten, und bei beiden lässt die Wirkung nach. Die Nachbehandlung unterscheidet sich jedoch grundlegend, und eine Verwechslung ist nicht rückgängig zu machen: Klassisches Leder ohne Membran wird gefettet, ein Membranschuh ausschließlich mit einem Spray für Membranausrüstungen behandelt. Fett verstopft dort das Außenmaterial und hebt die Funktion der Membran auf. Ausführlich steht das im Ratgeber Membran oder Leder.
Gewicht in Zahlen
Zwischen einem leichten Gewebeschuh und einem schweren Lederstiefel liegt je Paar etwa ein Kilogramm — und dieses Gewicht wirkt am Fuß deutlich stärker als im Rucksack, weil es bei jedem Schritt beschleunigt und abgebremst wird.
Über eine lange Etappe ist das der spürbarste Materialunterschied überhaupt. Er rechtfertigt aber keinen zu weichen Schuh für steiles Gelände: Dort kostet fehlende Sohlensteifigkeit mehr Kraft als das Mehrgewicht.


